Aachen und Karl der Große

Aachen - Stadt Karls des Großen und Krönungsort des Heiligen Römischen Reiches

 

(Vortrag, gehalten am 9. November 2016 in Heiligenkreuz bei Wien. Der Vortrag ist auch als Download verfügbar [siehe unter Download])

 

Da hab ich gesehen alle herrliche Köstlichkeit, desgleichen keiner, der bei uns lebt, köstlicher Ding gesehen hat.“

 

Dieser Lobpreis auf die Stadt Karls des Großen findet sich im Tagebuch des berühmten Malers und Schriftstellers Albrecht Dürer, der vom 7. bis 23. Oktober 1520 aus Anlass der Köningskrönung Karls V. in Aachen weilte. „Seit 1512 war Dürer in Diensten Kaiser Maximilians I, und hier am Krönungsort (des Heiligen Römischen Reiches) wollte er seine kaiserliche Pension vom neuen Herrscher gleich bestätigen lassen“ (Jungen, Die Geschichte der Kaiserstadt Aachen, 45). Mit der „herrliche(n) Köstlichkeit“ meinte Dürer natürlich zuerst die Monumente der Kaiserstadt, damals vor allem die Pfalzkapelle Karls des Großen, den heutigen Aachener Dom, und das Rathaus, das auf den Fundamenten der Königshalle, der aulia regia, erbaut ist und das er in einer Silberstiftzeichnung, die im Aachener Stadtarchiv aufbewahrt wird, festgehalten hat.  Vor allem sind es aber die Schätze, die damals schon die Aachener Pfalz- und Marienkirche schmückten und heute Teil des Aachener Domschatzes sind, der auch heute als der reichste Kirchenschatz diesseits der Alpen gilt. Schließlich dürfte er wohl den Reichsschatz, d. h. die Reichskleinodien gemeint haben, die bei den Krönungen in Aachen immer verwendet wurden und deren Aachener Stücke, nämlich das Reichevangeliar, die Stephansburse und das sogennante „Schwert Karls des Großen“ von Anfang an in Aachen aufbewarhrt worden sind. Die „Köstlichkeit“ des Aachener  Domschatzes zeugt von der Bedeutung Aachens als Stadt Karls des Großen und einer jahrhundertelangen Tradition als Krönungsort der Könige des Heiligen Römischen Reiches.

 

Letzte Königskrönungen in Aachen

 

Als Karl V. am 23. Oktober 1520 in Aachen gekrönt wurde, „erglänzte die ganze mittelalterliche Kaiserherrlichkeit ein letztes Mal in Aachens Mauern“ (A. Hausmann, Aachen im Mittelalter. Königlicher Stuhl und kaiserliche Stadt, 219). Denn seit der ersten Krönung in Aachen im Jahre 936, als Otto I. in Aachen zum König ausgerufen, gesalbt und gekrönt wurde, hat sich das Heilige Römische Reich geändert. Seinen Höhepunkt erreichte es mit der Dynastie der Habsburger, die, abgesehen von einigen Unterbrechungen, von 1273 mit der Krönung Rudofs I. bis 1531 mit der Krönung Ferdinands I. ununterbrochen die Herrscher des Heiligen Römischen Reiches waren. Gegen Ende dieser Zeit zersplitterte sich das gewaltige Habsburgerreich, als „(d)ie Niederlande, die Schweiz und das ehemalige Königreich Burgund sich abzuspalten begannen. Zur politischen Zersplitterung kam dann auch noch die religöse Spaltung hinzu, nachdem der Augustinermöch Martin Luther im Jahre 1517 an der Schloßkirche zu Wittenberg 95 Thesen über den Ablaßmissbrauch der Kirche angeschlagen und zum Disput darüber aufgefordert hatte“. Es „begann ein Reiligionskampf zwischen den Anhängern der neuen protestantischen Lehre und jenen, die der alten katholischen Religion weiterhin anhingen. Die Auseinandersetzungen sollten Jahrhunderte andauern. Das Kaisertum verlor dabei seine über den Landesgrenzen stehende Autorität vollends, das Reich wurde außenpolitisch zum Spielball seiner Nachbarn, und Aachen als katholische und kaiserliche Stadt war nicht länger der ‚erste Sitz der Könige‘“ (Hausmann, 220).

 

Im Zuge dieser politischen, kirchlichen und kulturellen Veränderungen fand am 11. Januar 1531 in Aachen das letzte Mal eine Königskrönung statt. Der letzte in Aachen Gekrönte war der Bruder Karls V., Ferdinand I.. Nachdem sich die habsburgischen Niederlande vom Deutschen Reich abgelöst hatten und an die spanische Krone fielen, lag Aachen im äußersten Westen des Reiches und hat damit auch seine zentrale Lage verloren. Dies führte dazu, dass der Nachfolger Ferdinands I., Maximilian II., nicht mehr in Aachen, sondern am 27. November 1562 in der alten verkehrsgünstigeren und in Bezug auf Aachen politisch sicheren Reichsstadt Frankfurt am Main, das bereits seit der „Goldenen Bulle“ Karls IV. von 1356 Ort der Königswahl durch die sieben Kurfürsten gewesen war, die Königskrone des Römischen Reiches empfing.

 

Damit war die besondere Stellung Aachens als Krönungsstadt des Heiligen Römischen Reiches beendet, wenngleich die Aachener Krönungszeremonie, die sich im Laufe der sechshundert Jahre seit der ersten Krönung im Jahre 936 bis zur letzten 1531 entwickelt und sich nur geringfügig geändert hatte, in Frankfurt bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches mit der Niederlegung der Reichskrone durch Kaiser Franz II. am 6. August 1806 weiterhin bei den Krönungen zur Anwendung kam und Aachen den Anspruch als Krönungort nie aufgegeben hat (vgl. Wynands, Kleine Geschichte Aachens, 19).

 

Die „Goldene Bulle“ Karls IV. von 1356 hatte die „reichsrechtliche Stellung Aachens als Krönungsort“ (Wynands, 19) des Heiligen Römischen Reiches ausdrücklich betont und gesetzlich festgelegt. Die Bulle regelte neben dem Wahl- und Krönungsort vor allem auch „die Wahl und die Krönung des römisch-deutschen Königs, schrieb die Siebenzahl der Kurfürsten als Wähler und die Mehrheitswahl fest, desgleichen die Erblichkeit und die Unteilbarkeit der Kurstimmen und regelte die Platzierung der Kurfürsten bei Feierlichkeiten und Prozessionen. … Im 29. Kapitel wurde Aachen als Krönungsort festgeschrieben, … .“ (Kraus, Aachen von den Anfängen bis zur  Gegenwart, 337).

 

600jährige Krönungstradition

 

Der reichsgesetzlichen Festschreibung ging eine jahrhunderalte Krönungstradition oder –gewohnheit voraus. Dass Aachen faktisch immer schon Krönungsort gewesen ist, hat sich ein Gewohnheitrecht entwickelt, das dann durch die „Goldene Bulle“ gesatztes Reichsrecht wurde. Otto I. hatte in „bewußter Anknüpfung an die karolingische Tradition“ (Wynands, 19) Aachen als Ort seiner Krönung gewählt. Seitdem wurden bis zur „Goldenen Bulle“ ab 936 dreiundzwanzig Könige und seit der „Goldenen Bulle“ bis 1531 sieben Könige in Aachen gekrönt.  Hinzu kommen noch zwölf Königinnen, so dass in Aachen ingesamt seit Otto I zweiundvierzig Krönungen stattgefunden haben. Allerdings hatte bereits vor Otto I. der Sohn Karls des Großen Ludwig der Fromme sich selber am 11. September 813 auf Wunsch seines Vaters im Hinblick auf dessen Nachfolge in der Aachener Pfalzkapelle zum Mitkaiser gekrönt. Drei Jahre später erfolgt dessen Krönung zum Kaiser des Römischen Reiches ind Reims durch Papst Stephan  IV. Ebenso empfing Ludwigs Sohn Lothar I. in Aachen im Sommer 817 die Kröne, wodurch er ebenfalls Mitkaiser wurde. Von 936 (Otto I.) bis 1531 (Ferdinand I.) sind in Aachen vier Sächsische, fünf Salische, sieben Staufer, sechs Habsburger, drei Luxemburger, ein Supplinburger, ein Holländischer, ein Englischer, ein Nassauer, ein Bayer und ein Pfälzer gekrönt worden, so dass mit den beiden vorgenannten karolingischen Krönungen und den zwölf Krönungen von Königinnen im Ganzen 44 Krönungen in der Stadt Karls des Großen stattgefunden haben.

 

Die Königs- und die Kaiserkrönung Karls des Großen selber fanden nicht in Aachen statt. Karl wurde 768 in Noyen etwa 100 km nördlich von Paris zum König der Franken, 774 in Pavia zum König der Langobarden und am Weihnachtstag 800 in Rom von Papst Leo III. zum Kaiser gekrönt.

 

Christlich-antikes Kaisertum

 

Die Krönung Ottos I., der wie Karl den Beinname „der Große“ trägt, fand, wie gesagt, am 7. August 936 statt. Sie ist die erste Krönung in Aachen, die die karolingische Tradition wieder nach aufleben läßt. Alle nachfolgenden Krönungen stehen in dieser Tradition und damit in der Nachfolge und Fortsetzung des antiken weströmischen Kaisertums. „Der Ursprung des Kaisertums liegt im Römischen Reich und geht auf die welthistorisch herausgehobene Person Caesars zurück, in der sich die Macht des römischen Weltreiches konzentrierte. Während das römische Kaisertum 456 n. Chr. im Westteil des Reiches erlosch, überlebte es im Oströmischen Reich, in Byzanz, noch fasst 1000 Jahre bis zum Fall Konstantinopels im Jahr 1453. Mit Karl dem Großen entstand es im Jahr 800 jedoch auch im Westen wieder neu. … (Dieses) im Jahr 800 neu entstandene Kaisertum knüpfte an römische Traditionen an. Karl der Große wurde als Kaiser legitimiert, indem er das weströmische Kaisertum ausdrücklich von Papst Leo III übertragen erhielt“ (Hansert, Könige und Kaiser, 5).

Mit der Kaiserkrönung Karls des Großen vollzog sich die translatio imperii Romanorum, die Übertragung des antiken Kaisertums auf die christlichen Franken. Mit ihr begann das abendländisch-christliche Kaisertum, das von Karl dem Großen über das Mittelalter hinaus bis in die Neuzeit reichte und 1806 infolge der Napoleonischen Kriege ein Ende fand. „(N)eben der antiken Staatsidee stand das (abendländische) Kaisertum mit dem Christentum zugleich auf einer ganz neuen Grundlage. Beides, Christentum und Romorientierung, bleiben über 1000 Jahre hinweg bis 1806 Kernelemente sowohl des Kaisertums als auch des dazugehörigen Reiches. … (Die) Fundierung und Akzentuierung in der deutschen Nation war der Kaiseridee nicht von Anfang an immanent. Die Karolinger herrschten über ein europäisches Großreich … . Erst nach ihrem Ende und der Spaltung ihres Imperiums in ein west- und ein ostfränkisches Reich, aus denen später Frankreich und Deutschland hervorgingen, musste entscheiden werden, wer Erbe der Kaiseridee sein würde. Das ostfränkische Reich setzte sich durch“ (Hansert, 6). Mit der Köningskrönung Ottos I., des Großen, wurde die karolingisch-christlich mit der antiken Kaiseridee verbunden, sei es unter anderen Vorzeichen als bei seinen karolingischen Vorgängern auf dem Kaiserthron.

 

Die Wahl Aachens als Krönungort des römisch-christlichen Königs und die fränkische Kleidung, die Otto I. bei seiner Krönung in Aachen getragen hat, waren äußeres, sichtbares Zeichen seiner bewußten Anknüpfung an Karl den Großen, als dessen Nachfolger er und die ihm nachfolgenden Könige sich bis 1806 gesehen haben, wenn auch die Krönungen seit Maximilian II. 1562 nicht mehr  in Aachen, sondern in Frankfurt stattfanden.

 

Warum Aachen?

 

Somit ist Aachen und seine 600jährige Tradition der Königskrönungen des Heiligen Römischen Reiches unlöslich verbunden mit Karl dem Großen und seinem mächtigen Imperium.  

Karl wählte Aachen als seine Hauptresidenz. Bekanntlich kannten die Franken und die späteren Karolinger, der westgermanische Herrscherstamm der Franken, keine Residenz- oder Haupstadt. Karl der Große „war als junger Mann, wie alle Herrscher vor und nach seiner Zeit, ein Reisekönig ohne festen Wohnsitz. Wissenschaftler gehen davon aus, dass er etwa 80.000 km in seinem Leben im Sattel zurückgelegt hat“ (Mathieu, Rathaus, Dom und Charlemagne, 30). Der Hof war dort, wo sich der Herrscher gerade aufhielt. Dieser Aufenhaltsort wurde Pfalz genannt, ein aus Wohnhäusern, Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäuden bestehender Gebäudekomplex. Das Wort „Pfalz“ stammt vom lateinischen palatium, das sich wiederum ableitet vom mons Palatinus, dem Palatin, einem der sieben Hügel Roms, auf denen die römischen Kaiser seit Augustus ihre Residenz hatten. Vom selben Wort leiten sich auch die Begriffe „Palast“, „Palazzo“ und „Palais“ ab. Feste Residenzstädte haben sich im alten Reich erst im späten Mittelalter herausgebildet, etwa Wien, Prag oder München.

 

Für Aachen als feste Residenz bzw. bleibenden Pfalzsitz entschied sich Karl der Große erst gegen Ende seines Lebens. Der an Gicht und Rheuma leidende König und spätere Kaiser hatte Aachen schon häufig gerne auf wegen der heißen Quellen aufgesucht. Auch bot die waldreiche Umgebung des Ortes Karls reichliche Gelegenheit, seiner Jagdleidenschaft zu frönen. Karl kannte Aachen, weil schon sein Vater Pippin der Jüngere in dort oft weilte, vor allem in den kalten Wintermonaten, wie die Fränkischen Reichannalen  berichten. In ihnen finden wir die erste geschichtlich greifbare Erwähnung Aachens. Danach verweilte Pippin der Jüngere 768 in Aachen.

 

Es heißt dort in den Annalen:

 

Tunc Pippinus rex placitum suum habuit ad Attiniacum, et nullum fecit aliud iter. Et celebravit natalem Domini in Aquis villa et pascha similiter.

 

“Damals hielt König Pippin seinen Reichstag in Attigny und reiste nirgendwo ander hin; und er feierte das Geburtsfest des Herrn am Hofgut zu Aachen, und ebenso (dort) das Osterfest” (Kaemmerer, Aachener Quellentexte, 17).

 

Die sog. „Annalen Einhards“, des Biographen Karls des Großen, gehen ebenfalls auf den damaligen Aufenthalt Pippins des Jüngeren in Aachen ein:

 

Hoc anno rex Pippinus … generalem populi sui conventum in Attiniaco villa, hiberna Aquisgrani habuit, ubi natalem Domini et pascha celebravit.

 

„In diesem Jahre hielt König Pippin eine allgemeine Volksversammlung im Hofgut Attigny, (nahm aber) seinen  Winteraufenthalt in Aachen, wo er sowohl den Geburtstag des Herrn wie auch das Osterfest gefeiert hat“ (Kaemmerer, 17).

 

In beiden Texten werden unterschiedliche Namen für Aachen verwendet: Aquis villa und Aquisgrani, ein Lokativ (alter lat. Kasus) für Aquisgranum. Zuweilen findet man in den Quellen auch den Namen Aquis palatium. Alle lateinischen Bezeichnungen für den Ort der Pfalz Karls des Großen weisen auf aqua bzw. aquae hin, also auf Wasser. Damit sind die heißen Quellen angedeutet, die für die Entstehung des fränkischen Königsgutes Pippins des Jüngern, vor allem aber der späteren Pfalz Karls des Großen entscheidend waren. Dieser hatte den Königshof seines Vaters zu einer mächtigen Pfalz ausgebaut. Karl selber verbrachte seinen ersten Winteraufenthalt 788/789 in Aachen. „(A)b 794 konnte die Pfalz als dauerhafter Aufenhaltsort des Hofes dienen. Karl machte Aachen nach seiner Kaiserkrönung 800 bis zu seinem Tod 814 zu seiner Residenz. … Mit dem Ausbau Aachens zur zentralen Kaiserpfalz wollte Karl sich als Erneuerer des Imperium Romanum präsentieren. Deshalb machte er Aachen auch zu einem geistigen und kulturellen Zentrum des Reiches, an dem er bedeutende Gelehrte versammelte“ (Zuch, Pfalzen Deutscher Kaiser, 57 f.).

 

Die Aachener Kaiserpfalz war nicht die einzige Pfalzanlage. Die Franken, aber auch die späteren Ottonen, Salier und Staufer bauten andernorts Pfalzen. Pfalzen gab es in Braunschweig, Frankfurt, Goslar, Ingelheim, Paderborn, Nijmwegen, Magdeburg oder Zürich, um nur einige zu nennen. Aber die „Aachener Kaiserpfalz war nicht nur die bedeutendste karolingische Pfalzanlage des deutschen Reiches, sondern hat mit der Pfalzkapelle einen der am besten erhaltenen karolingischen Bauten“ (Zuch, 57) überhaupt.

 

Die Aachener Pfalzanlage ist „teilsweise auf dem Gelände einer römischen Thermenanlage aus dem 1. Jahrhundert entstanden“ (Zuch, 58). Damals waren unter Kaiser Augustus und Tiberius römische Legiönere in Germania inferior, dem Unteren Germanien, stationiert und die Ansiedlung wegen der warmen Quellen zu einem Militär-Heilbad ausgebaut worden. Die „Voraussetzung für (den) Aufstieg (Aachens) waren die warmen Quellen, deren Wasser aus der Voreifel stammt und über unterirdische Kanäle aus einer Tiefe von mehr als 3000 Metern …. mit Temperaturen von teilweise über 70° C an die Oberfläche steigt. …(D)as römische Militär lernte das Aachener Wasser mit seinen therapeutischen Wirkungen bei Rheuma und Gicht schnell schätzen, zumal die öffentliche Badekultur sich gerade zu dieser Zeit auf breiter Front durchzusetzen begann“ (Römling, Aachen, Geschichte einer Stadt, 23).

 

Das römische Heilbad entwickelte sich zu einem großen und schon in damaliger Zeit über Aachens Grenzen hinaus weit bekannten Badeort, wie archeologische Funde und schriftliche Quellen bezeugen. So berichtet z. B. der römische Geschichtsschreiber Cassio Dio, der um 150 in Nikäa geboren und 235 in Rom gestorben ist, in seiner auf Griechisch verfaßten Römischen Geschichte, dass Kaiser Marcus Aurelius Antonius (183-217 n. Chr.) mit dem Beinamen Caracalla, der Erbauer der berühmten „Caracalla-Thermen“ in Rom, im Jahr 215 in Aachen zur „Kur“ gewesen ist (vgl. Kaemmerer, 12 f.). Fest steht, dass die Aachener Thermen damals „vor allem als Erholungsbäder von den Grenztruppen der niedergermanischen Legionslager  genutzt wurden, wie in Aachen gefundene Weihesteine dokumentieren.

 

Schon die Kelten hatten den Ort wegen seiner Thermalquellen dem Heilgott Grannos geweiht. Die Römer weihten den Ort Apollo, dem Gott des Lichtes und der Heilkunst, womit er dem keltischen Heilgott Grannos entsprach (Römling, 26). Die Römer verbanden das Thermalwasser des Ortes mit dem keltischen Heilsgott Grannos, und so nannten sehr wahrscheinlich schon die römischen Legionäre den Ort „Aquis Granni“: an den Wassern des Grannos/us. So entstand der lateinische Name für Aachen, der noch in den romanischen Sprachen fortlebt: Die Italiener nennen Aachen „Aquisgrana“, die Spanier „Aquisgrán“ und die Franzosen „Aix-la-Chapelle“, wobei „Aix“ ein altfranzösisches vom lateinischen abgeleitetes Wort für „Wasser“ ist, das im heutigen Französischen „eau“ heißt.  Mit „Chapelle“ im französischen Namen für Aachen ist eindeutig die Pfalzkapelle Karls des Großen angedeutet. Sie ist, wie gesagt, erbaut auf den Fundamenten einer der römischen Thermen in Aachen, dessen Grundraster auch schon Pippin der Jüngere für seinen fränkischen Hof genutzt hatte.

 

Die Aachener Pfalz

 

„Kaiser Karls Pfalzanlage dominiert immer noch überragend das Aachener Altstadtbild“ (Mathieu, 38). Um diese Pfalzanlage hat sich die Stadt Aachen im Laufe der Jahrunderte entwickelt. Die Gesamtanlage besteht im wesentlichen aus zweit Hauptgebäuden: der Pfalzkapelle als dem geistlichen und der Königshalle – der aula regia – als dem weltlichen Teil. An beiden Gebäuden wird „Karls Rückgriff auf spätantike römische Palatien sichtbar, womit er an die Architektur der römischen Kaiser anknüpft(e)“ (Zuch, 59). Die Pfalzkapelle ist ein antiken Vorbildern nachgebauter achteckiger Zentralbau (Oktogon), der von einem sechzehneckigen Umgang umfaßt wird. Als Architekt gilt ein gewisser Odo von Metz, ein nicht weiter bekannter fränkischer Baumeister. Die Pfalzkapelle orientiert sich an oströmisch-byzantinische Vorbilder, vor allem an der Kirche San Vitale in Ravenna, dann aber auch an der Kirche „Sergios und Bacchus“ in Konstantinopel, der sog. „Kleinen Hagia Sophia“, sowie der Jersalemer Grabeskirche und dem Dekagon, dem zehneckigen Zentralbau der aus dem 5. Jahrhundert stammenden Kirche St. Gereon in Köln. Karl hat seine Pfalzkirche der Muttergottes geweiht und wird daher auch Marienkirche genannt.

 

„Das Oktogon der Pfalzkapelle mit zwei Anbauten und einem großen vorgelagerten Atrium im Westen lag am Südende der Pfalz. Auf der Nordseite schloss sich ein 133 m langer steinerner Gang an, der in der Mitte von einem wahrscheinlich zweigeschossigen Querbau mit unbekannter Funktion und Innenaufteilung unterbrochen wurde und die Verbindung zur Königshalle (der aula regia) herstellte. Auf dem Platz zwischen Palastaula und Kapelle … stand ein Reiterstandbild Theoderichs, das Karl aus Ravenna mitbrachte und mit dem er sich zu dessen Nachfolger stilisierte. Der Platz wurde östlich durch einen hölzernen Gang abgeschlossen. Weitere Bauten, deren Gestalt und genaue Lage unbekannt sind, waren die Wohnung der Königsfamilie, das Pfalzgrafenamt, die Kanzlei, das Archiv, die Hofschule, Wohnstätten für das sicher zahlreiche Personal und die Gäste, Ställe, Handwerker- und Händlerhäuser, ferner einige feste Wohnsitze bedeutender Persönlichkeiten des Hofes. Von der karolingischen Pfalz ist heute mit dem Oktogon der Pfalzkapelle der wohl wichtigste Teil erhalten. In ihrer Monumentalität … stand sie für die Idee eines sakralen Königtums, in dem Christentum und weltliche Herrschaft eine Einheit bilden“ (Zuch, 39 f.). Das zeigt sich auch an der Form der Könighalle, auf dessen Fundamenten das gotische Rathaus erbaut worden ist. In seine architektonischen Form knüpft die Königshalle an die Konstantinbasilika in Trier an.

 

Karolingische Renaissance

 

Zu den Hauptpersonen am Hof Karls des Großen in Aachen gehörten u. a. der Angelsachse Alkuin, der Westgote Theodulf von Orlean und die drei Langobarden Petrus von Pisa, Paulinus von Aquileia und Paulus Diakonus, der berühmte Verfasser der Historia Langobardorum, die er am Hof in Aachen verfaßt hat. Zur zweiten Generation zählen der Franke Einhard, Karls Biograph, und Hrabanus Maurus, der berühmte Abt von Fulda uns spätere Erzbischof von Mainz, um nur einige der illustren Persönlichkeit zu nennen, die Karl seinerzeit an den seinen Aachener Hof geholt hat.

 

Dort entstand eine bedeutende Hofschule, von der vor allem durch den Einsatz Alkuins aus York die karolingische Renaissance ausgegangen ist, eine an antiken und christlichen Quellen orientierte Erneuerungsbewegung, die insbesondere das Bildungswesen, die mittellateinische Sprache und Literatur, das Buchwesen und die Baukunst betraf. Die von Aachen ausgegangene und später vor allem von den Klöstern geförderte karolingische Renaissance „prägte Europa nachhaltig und ist, wiewohl schon Pippin der Kürzere und später Ludwig der Fromme und seine Nachfolger eine Politik der Stärkung des Lateinischen und der Schulen, der wissenschaftlichen Ausbildung, der Künste und der Architektur betrieben haben, … vor allem mit der Gestalt eines Herrschers verbunden – mit Karl dem Großen“ (Konnegen/Pohle, Die Künste am Hof Karls des Großen, 15) - und seiner Hofschule in Aachen. Die karolingische Renaissance steht für die Vermittlung griechisch-römischer und christlicher Werte in das Mittelalter und hat nachhaltig in die Neuzeit bis heute hineingewirkt.

 

Eine besondere Errungenschaft war die Entwicklung der sogenannten „Karolingischen Minuskel“. Ob sie in Aachen entwickelt wurde, ist nicht ganz sicher. Es wird in diesem Zusammenhang auch das Königskloster Corbie genannt. Die Renaissance und der Humanismus des 14. und 15. Jahrhunderts wären ohne die Vermittlung Karls des Großen und das Zentrum der karolingischen Reformbewegung – Aachen – nicht möglich gewesen (vgl. Barbero, Karl der Große, 237-264).

 

Mit dem Namen Alkuin von York ist auch die Gründung des heutigen Aachener Domchores aufs engste verbunden. Der Knabenchor geht auf die von Alkuin am Hof Karls des Großen in Aachen gegründete Schola palatina zurück, mit deren Leitung er Alkuin beauftragte. Der Aachener Domchor ist damit der älteste Knabenchor im deutschsprachigen Raum. Im Rahmen der Septem Artes Liberales (der sieben freien Künste) mit dem "Trivium" Grammatik, Rhetorik und Dialektik und dem "Quadrivium" Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik wurden die Schüler in Aachen auch in die Messgesänge und den Chorgesang eingeführt und darin unterrichtet. Entsprechend der musikalischen Ausgestaltung der Krönungsfeierlichkeiten nahm die Aachener Singschule eine herausragende Stellung unter den Musikschulen im Heiligen Römische Reich ein. Der Chor der Krönungskirche des Reiches war nicht nur eine Pflegestätte des jahrhundertealten Gregorianischen Chorals, sondern auch der römischen und niederlänisch-burgundischen Polyphonie. Mit dem Aachener Domchor sind unlösbar Namen wie Palestrina, Josquin des Prez, Adrian Willaert, Clemens non Papa und Orlando di Lasso sowie er aus dem benachbarten Lüttich stammende Johannes Mangon verbunden.

 

Neubeginn mit Otto I., dem Großen

 

Karls starb am 28. Januar 814 in der Aachener Pfalz und wurde nach dem Zeugnis Einhards noch am selben Tag in der von ihm erbauten Marienkirche beigesetzt. Nur eine Generation nach dem Tod Karls des Großen zerfiel das Frankenreich durch den Vertrag von Verdun 843 in drei Teile: „Kaiser Lothar I. …, der älteste Sohn (Ludwigs des Frommen) erhält den von Friesland bis nach Italien reichenden Mittelstreifen mit den Kaiserstädten Aachen und Rom, Karl II., ‚der Kahle‘, … erhielt den westlichen Teil, das Westfränkische Reich“, aus dem sich später Frankreich herausbilden sollte, „und Ludwig II., der Deutsche … den östlichen Teil, das Ostfränkische Reich“ (Naumann, Deutsche Geschichte, 29). Im 9. Jahrhundert fielen die Normannen in dieses Reich ein und legten es in Schutt und Asche. „Sie zogen plündernd und mordend von der Nordseeküste flußaufwärtes. So zerstörten sie im Jahre 881 die Aachener Pfalz, die Kirche mißbrauchten sie sogar als Pferdestall. Auch das Kloster Inda in Kornelimünster wurde verwüstet“ (Jungen, 26).[1]

 

Sowohl das bedeutende karolingische Reichskloster, auf dessen Grundmauern die ehemalige Reichsabtei und  heutige Propsteikirche Kornelimünster erbaut ist, als auch die Pfalz Karls des Großen in Aachen verloren im 9. Jahrhundert infolge der neuen politischen Umstände und der Normannenkriege rasch an Bedeutung. Mit der bereits erwähnten Königskrönung Ottos I. im Jahr 936 gewann Aachen aber eine neue Bedeutung für das weitere Mittelalter bis zur Neuzeit. Die Stadt Karls des Großen wurde Krönungsort des Heiligen Römischen Reiches eben dank Karls des Großen, der hier in der Pfalzkirche, der Marienkirche, seine letzte Ruhestätte gefunden hatte und dessen Thron sich in der Pfalzkirche befindet.  

 

Aufstieg Aachens zur sakralen Hauptstadt des Reiches

 

Ein für die Geschichte Aachens höchtbedeutendes Ereignis war die Heiligsprechung Karls des Großen. Denn sie machte Aachen zur sakralen Hauptstadt des Reiches.

Friedrich I. Barbarossa, der am 9. März 1152 nach seiner Frankfurter Königswahl in Aachen zum römischen König gekrönt worden ist, ragt insofern aus dieser königlichen Reihe heraus, als er, inzwischen am 18. Juni 1155 zum Römischen Kaiser in Rom gekrönt, zum einen die Heiligprechung Karls des Großen veranlaßte, zum anderen in diesem Zusammenhang die Stadt Aachen in einem als „Barbarossa-Urkunde“ in die Geschichte eingegangen Dokument vom 8. Januar 1166 zur freien Reichsstadt erhob und die Bürger Aachens mit besonderen Privilegien auszeichnete.

 

Am 29. Dezember 1165, also in der Weihnachtsoktav und am Festtag des biblischen Königs David, des Gesalbten des Herrn und Stammvaters Christi, in dessen Nachfolge Karl sich sah, hatte Friedrich I. Barbarossa sein großes Vorbild, Karl den Großen, in dessen Aachener Pfalzkirche heiligsprechen lassen. Eine detaillierte Beschreibung des Vorgangs gibt es nicht. Die einzige schriftlich erhaltene Quelle für die Kanonisation Karls des Großen ist die bereits erwähnte „Barbarossa-Urkunde“. Sie geht auf die Zeremonie nicht näher ein. Zusammen mit dem in sie inserierten „Karlsprivileg“ (das allerdings nicht auf Karl den Großen zurückgeht, sondern wohl im Dunstkreis der Kanoniker des Aachener Marienstiftes entstanden ist, die damit den Anspruch der Aachener Marienkirche als Krönungskirche sichern wollten) erwähnt sie die Erhebung der Gebeine Karls des Großen auf Veranlassung Friedrichs I. sowie die Kanonisation des Frankenherrschers. 

 

Die Stadt Aachen steht in beiden Urkunden im Mittelpunkt. Es wird an den antiken Ursprung der Stadt erinnert (Granuslegende), auf die Gründung Aachens als Sitz und Haupt des Reiches durch Karl den Großen hingewiesen, die Auszeichung der Stadt durch die Grablege des Kaisers in der Pfalzkapelle hervorgehoben, die Bedeutung Aachens als Krönungsort betont und die besondere Rechtsfreiheit der Aachener Bürger unterstrichen. Aachen wird zudem in beiden Urkunden als Haupt Frankreichs (caput Gallie) und Deutschlands (caput regni Theutonici) gepriesen. Friedrich I. bezweckte mit der Kanonisation Karls des Großen unter anderem den Aufstieg Aachens zur sacra civitas, zur sakralen Hauptstadt des Reiches, da deren Pfalzkapelle mit dem Reichsthron und dem Grab des Kaisers die erste Kirche des Reiches ist.

 

Aufwertung des sakralen Königtums durch die Kanonisation Karls des Großen

 

Mit der Kanonisation (Heiligsprechung) seines großen Vorbildes ging es Friedrich I. Barbarossa aber nicht nur um die Stadt Aachen. Die Heiligsprechung stellte für den Staufer einen Weg dar, um sein eigenes Königtum sakral aufzuwerten. Dabei haben ihn wohl vorausgehende Kanonisationen anderer Könige in Europa inspiriert: 1144 hatte der französische König Ludwig VII. die Gebeine des französischen Staatsheiligen Dionysius von der Krypta des Kloster Saint Denis in den Hochchor getragen. Zwei Jahre später wurde Kaiser Heinrich II. heiliggesprochen, und 1161, vier Jahre vor der Kanonisation Karls des Großen, war König Eduard der Bekenner zu den Ehren der Altäre erhoben worden. Die Aufwertung des eigenen (staufischen) Königtums durch die Heiligsprechung Karls des Großen war für Friedrich I. ein willkommenes Mittel, um sich gegen den Papst zu positionieren, mit dem er sich zerworfen hatte: „In hochgespanntem Herrschergefühl war er nicht nur eifersüchtig darauf bedacht, die Würde … und Unabhängigkeit seiner Stellung zu wahren, sondern auch bestrebt, wie sein bewundertes Vorbild Karl der Große die deutsche Kirche durch einen ergebenen Episkopat zu beherrschen und das Papsttum möglichst auf seine geistliche Sphäre zu beschränken. Da dieses aber ebenso entschlossen war, den seit den Tagen Gregors VII. erlangten Vorrang der geistlichen Gewalt über die weltliche festzuhalten, so waren schwere Reibungen und Kämpfe zwischen den Häuptern der Christenheit nicht wohl zu vermeiden“ (Bihlmeyer/Tüchle, Kirchengeschichte, Bd. 1, 19. Auflage, 182 f.). Der Papst nahm den kaiserlichen Einfluß auf die Angelegenheiten der römischen Kirche nicht mehr hin. Das Zerwürfnis zwischen Friedrich I. und dem Papst führte schließlich zu einem Schisma: Bei der Neuwahl eines Papstes entschied sich eine kaisertreue Minderheit unter den Kardinälen, beeinflußt von Friedrichs Kanzler, dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel, für Kardinal Oktavian von Monticelli, den späteren Papst Viktor IV., während die papsttreue Mehrheit Kardinal Rolando wählte, der den Namen Alexander III. annahm. Nach dem Tod des Gegenpapstes Viktor IV., ließ der einflußreiche Kanzler Friedrichs I., Rainald von Dassel, in dem Kardinal Guido von Crema einen neuen Papst aufstellen: Paschalis III.

 

Die Heiligsprechung Karls des Großen im Auftrag eines Gegenpapstes

 

Zum Zeitpunkt der Heiligsprechung Karls des Großen unter Friedrich I. Barbarossa befand sich die Kirche also in einem Schisma. Es war der schismatische Papst Paschalis III., der den Auftrag zur Kanonisation erteilt hatte. Davon berichtet Friedrich I. in der genannten „Barbarossa-Urkunde“: „Bestimmt durch die ruhmreichen Taten und Verdienste des allerheiligsten Kaisers Karl haben wir auf inständiges Bitten unseres lieben Freundes, des Königs Heinrich von England, und mit Zustimmung und kraft der Autorität des Papstes Paschalis die Auffindung, Erhebung und Heiligsprechung von Karls Gebeinen vorgenommen“  (Übersetzung in: Kerner, Karl der Große. Leben und Mythos, Köln 2000, 105).

 

Mit der Kanonisation Karls des Großen beauftragt waren der Erzbischof von Köln, der erwähnte Rainald von Dassel, und der Bischof von Lüttich, Alexander, in dessen Diözese damals Aachen lag (Lüttich war ein Suffragenbistum des Erzbistums Köln, Aachen selber avancierte erst unter Napoleon Bonaparte für 19 Jahre - von 1802 bis 1821 – zu einem selbständigen Bistum, und erst seit 1930 besteht das heutige Bistum Aachen). Durch das Kommissionsdekret Papst Paschalis´ III., mit dem er Friedrich I. bzw. seinem Kanzler und dem Bischof von Lüttich den Auftrag (Lat.: commissio) zur Kanonistion erteilt hatte, war die Heiligsprechung  zwar formgerecht, weil sie den damals geltenden kanonischen Bestimmungen bei Kanonisationsakten entsprach, doch handelte es bei der Kommission/Auftrag zur Kanonisation um einen ungültigen Rechtsakt, da der Auftrag zur Heiligsprechung von einem Papst erteilt worden war, der nicht über die petrinische Vollmacht dazu verfügte.

 

Kirchliche Anerkennung der Heiligsprechung Karls des Großen

 

Neben diesen kirchenrechtlichen Fragen stellt sich gerade dem heutigen Menschen die Frage, ob denn der Lebenswandel Kaiser Karls des Großen so heiligmäßig gewesen ist, dass er zu den Ehren der Altäre erhoben werden konnte. Wenn man auch Karl dem Großen in einigen Punkten seines Handelns, in dem er Kind seiner Zeit gewesen ist, einen Vorwurf machen kann, so gilt es doch zugleich im Auge zu behalten, dass Heilige keine vollkommene, makellosen Menschen sind: König David war der Stammvater Jesu, obwohl er Ehebrecher und Mörder gewesen ist; Petrus verleugnete Jesus dreimal und wurde dennoch der erste Papst und Stellvertreter Christi auf Erden; Paulus entwickelte sich vom fanatischen Christenverfolger zum eifrigen Völkerapostel etc. Die Schattenseiten Karls des Großen dürfen den Blick für seine großartigen Leistungen nicht verstellen: seinen unermüdlichen Einsatz für die Verkündigung des Evangeliums, die Ausbreitung des Christentums, den Aufbau der Kirche, die Ordnung der Liturgie, seine tiefe Frömmigkeit. Außerdem hat er für die abendländische Kultur Entscheidendes gewirkt: Er sammelte, wie schon ausgeführt, an seinem Aachener Hof die bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit, förderte die Wissenschaften, erneuerte das Schulwesen, setzte eine gerechte Gesetzgebung durch, sorgte sich um die Bildung der Kleriker und pflegte die Armenfürsorge. In der „Barbarossa-Urkunde“ vom 8. Januar 1166 wird Karl als „starker Kämpfer und wahrer Apostel“ bezeichnet, ja wegen seiner täglichen Bereitschaft, bei der Bekehrung der Ungläubigen zu sterben, sei er als Märtyrer anzusehen, als wahrer Bekenner, der im Himmel für seine Lebensleistung gekrönt wurde.

 

Wegen der schon vor der Kanonisation nachweislichen Verehrung Karls des Großen und nicht zuletzt im Hinblick auf den nach der Kanonisation entfalteten liturgischen Karlskult, der über Jahrhundete bis heute andauert, sah sich Rom veranlaßt, die Heiligsprechung Karls des Großen nachträglich anzuerkennen. Die kultische Verehrung des Frankenherrschers ist besonders in Aachen, Frankfurt und Osnabrück Tradition, aber auch in der Schweiz, in Italien, in Tschechien, in Spanien und in Frankreich verbreitet. Das Karlsoffizium und die Karlsmesse sowie die Aachener Karlssequenz „Urbs Aquensis, Urbs regalis“ bilden den Kern der Karlsliturgie. Der liturgische Festtag ist zugleich der Sterbetag Karls des Großen: der 28. Januar. Karl starb an diesem Tag im Jahre 814 im Alter von 66 Jahren. Seine Gebeine ruhen seitdem im heutigen Aachener Dom, der einstigen Pfalzkapelle.

 

Hinterlassenschaften Friedrichs I. in Aachen

 

Friedrich Barbarossa stattete die Aachener Pfalzkapelle mit einem wunderschönen Radleuchter aus, dem sog. Barbarossaleuchter. „Er ist Abbild der himmlischen Stadt Jerusalem, wie sie der hl. Johannes in seiner Vision gesehen hatte (Offb 21). In seiner Form mit acht Bögen und sechzehn Türmen, in seiner Zahl und in seinem Maß … sollte sich der Leuchter in die Architektur des Bauwerkes einfügen, für das er geschaffen worden ist“ (Lepie/Minkenberg, Der Domschatz zu Aachen, 44).

 

Ebenfalls auf Veranlassung Friedrichs Barbarossa bauten die Aachener 1171 zum Schutz der Pfalzkirche mit den Gebeinen des heiliggesprochenen Karls des Großen eine 2,5 Kilometer lange Stadtmauer um den Pfalzbezirk, entlang derer der heutige innere Grabenring in der Aachener Innenstadt verläuft. „Bereits etwas 100 Jahre später allerdings war diese Stadtmauer schon zu klein. Durch die (königlichen und kaiserlichen) Privilegien wuchs die (freie Reichs-)Stadt sehr schnell. Man baute in größerem Umkreis einen neuen doppelt so langen Mauergürtel mit 11 Toren und zahlreichen Türmen.“ (Jungen, 32). Die innere und äußeren Stadtmauern wurden auf Veranlassung Napoleons Anfang des 19. Jahrhunderts geschleift. Im heutigen Aachener Stadtbild  kann man aber durch den inneren 2,5 km langen und äußeren 5,5 km langen Stadtring den Lauf der mittelalterlichen Stadtmauern gut erkennen. Das Stadtgebiet innerhalb der äußeren Stadtmauer, in dem sich das heutige Stadtzentrum befindet, entspricht in seinen Ausmaßen ungefähr dem von der Ringstraße umfassenden 1. Bezirk in Wien.

 

Bau bedeutender Kirchen in Aachen durch Otto III.

 

Ein weiterer in Aachen gekrönter König, der das Stadtbild städtebaulich geprägt hat, war Otto III., Sohn Ottos II, des einzigen Ottonen, der in St. Peter in Rom seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Otto III. strebte mehr noch als seine beiden Vorgänger eine Renovatio Imperii Romanorum an. 983 in Aachen zum König gekrönt, „reiste er 996 nach Italien, um die Kaiserkrone zu erwerben und seine Macht dort zu festigen. Königskrönung und Kaiserkrönung, Aachen und Rom – diese beiden Pole entwickelten sich gerade in jenen Jahren zu den entscheidenen Stationen auf dem Weg zur rechtmäßigen Herrschaft“ (Römling, 71 f.). Die Idee des neuen Roms nördlich der Alpen, wie sie Karl der Große bereits Aachen verstand, setzte Otto III. verstärkt fort. „In  Aachen plante er (darum) drei kirchliche Bauten, die teilweise unter späteren Herrschern vollendet wurden. Es waren St. Adalbert, St. Salvator und die (reichfreie) Benediktinerabtei Burtscheid. Zusammen mit der Kirche Karls d. G. bildeten diese Bauwerke symbolhaft die Endpunkte eines Kreuzes. Eine ‚sakrale Landschaft‘ entstand, die abwich von der sonst üblichen geschlosssenen Architektur mittelalterlicher Städte“ (Jungen, 30).  

 

Nicht ganz sicher, aber nicht unwahrscheinlich war die Absicht Otto III., sein großes Vorbild heiligsprechen zu lassen (vgl. Römling, 72). Denn im Jahr 1000 ließ er das Grab des Frankenherrschers in der Pfalzkapelle öffnen und stieg in dieses hinab und betete in dem Grab. Allerdings sind die Berichte über die Graböffnung auch von sagenhaften Anekdoten angereichert. „(S)o ist schon die angebliche Unversehrtheit des Leichnams freie Erfindung oder bestenfalls eine von frommen Wünschen stark verfälschte Beobachtung“ (Römling, 72). Ein anderer Grund für die Graböffnung als die Heiligsprechung Karls könnte auch mit Kaiser Augustus, dem Vorbild sowohl des Frankenherrschers als auch Ottos III., zu tun haben, denn auch Kaiser Augustus ließ einst das Mausoleum Alexanders des Großen aufbrechen (vgl. Römling, 72).

 

Otto III. starb noch nicht einmal 22 Jahre alt auf der Burg Paterno 40 km nörlich von  Rom. Sein Leichnam wurde entsprechend seinem Wunsch nach Aachen überführt, wo er in der Pfalzkapelle in der Nähe des Grabes Karls des Großen beigesetzt worden ist. Als die gotische Chorhalle 1414 unter König Sigismund fertiggestelt und eingeweiht worden war, wurden nicht nur die Gebeine Karls des Großen, sondern auch die Ottos III. vom Zentralbau, dem Oktogon, in die gotische Chorhalle verlegt. Dort befindet sich das Grab Ottos III. bis heute. Während das Herz Otto III. in Augsburg ruht, sollen sich einige Überreste seines Leichnams in seinem Grab in Aachen befinden. Somit ist der Aachener Dom die Grabeskirche zweier Kaiser: Karls des Großen und Ottos III..

 

Ablauf der Krönungfeiern in Aachen

 

Es gibt verschiedene Quellentexte, die die Krönungszeremonie in der Aachener Krönungskirche wiedergeben. Seit der Krönung Ottos I. am 7. August 936, der ersten Königskrönung in Aachen, hat sich der Ablauf der Feierlichkeiten nur geringfügig geändert. Widukind von Corvey berichtet in seiner Sachengeschichte über die Krönung Ottos I. in der Aachener Marienkirche. Inwieweit die Beschreibung der Krönung historischen Tatsache entspricht, soll hier nicht weiter diskutiert werden. Bis 1531, also mit der Krönung Ferdinands I., dem Bruder Karls V., konnte sich Aachen als Krönungsstadt behaupten. Daneben fanden in diesen Jahrhunderten nur in Mainz, Köln und Bonn insgesammt vier Krönungen statt. Das Aachener Krönungszeremoniell lebt auch in den Frankfurter Krönung weiter bis zur Krönung des letzten Königs und Kaisers des Heiligen Römischen Reiches, dem Habsburger Franz II., im Jahre 1792. Mit der Niederlegung der Krone am 6. Augustus 1806 hörte das Heilige Römische Reich auf zu bestehen. Damit endete das auch in Frankfurt bis dahin noch durchgeführte Aachener Krönungszeremoniell.

 

Festgeschrieben war der seit Otto I. mit wenigen Ausnahmen immer gleichbleibende Ablauf sowohl der Krönung als auch des ihm folgenden Festmahls in der „Goldenen Bulle“ Karls IV. von 1356. In ihr wurden die Königswahlordnung genau festgelegt, Frankfurt als Wahlort und Aachen als Krönungsort gesetztlich bestätigt. Auch die Siebenzahl der Kurfürsten fand in der „Goldenen Bulle“ eine gesetztliche Norm. Danach hatten das Recht zur Königswahl die drei geistlichen Kurfürsten: die Erzbischöfe aus Köln, Mainz und  Trier, und die vier weltlichen Kurfürsten: der Palzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der König von Böhmen.

 

Drei Wochen nach der Wahl in Frankfurt fand die Krönung zum römisch-deutschen König in Aachen statt, die dann ab 1562 mit Maximilian II. zum ersten Mal in Frankfurt am Main erfolgte. Die Krönung war seit der „Goldenen Bulle“ nur noch ein formaler, wenn auch unerlässlicher Akt, da die rechtliche Bedeutung der Königskrönung schwand, was mit eine Grund dafür ist, warum man angesichts politischer Veränderungen später den Krönungsort Aachen nicht mehr als für die Königskrönung konstitutiv ansah und mit Maximilan II. die Krönung an den Ort verlegte, wo auch die Wahl zum römisch-deutschen König stattfand: Frankfurt. Dabei spielte auch der Umstand ein Rolle, dass seit dem Spätmittelalter fasst ausschließlich Habsburger zu Königen gekrönt worden sind und die Reise von Wien bzw. von Prag aus nach Aachen als beschwerlich erfahren wurde, zumal Frankfurt durch den Main auch per Schiff für die aus dem Süden bzw. Südosten anreisenden Habsburger leichter erreichbar war als Aachen.

 

Krönung Karls V.

 

Anhand des gut beschriebenen Ablaufes der Königskrönung Karls V., der vorletzten und zugleich der vorletzten eines Habsburgers in Aachen, soll diese in groben Zügen in seinen wesentlichen Handlungen beschrieben werden:

 

Empfang des Königs in der Kaiserstadt

 

Karl der V. traf von  Gent über Maastricht kommen am 22. Oktober 1520 am westlichen Stadtrand in Aachen ein. Dort zeigte er den Vertretern der Kaiserstadt Aachen seine Wahlurkunde. Sie bestätigte, dass er am 19. Juni 1519 in Frankfurt von den Kurfürsten zum römischen König gewählt worden war. „Zusammen mit fast 4500 Berittenen setzte sich dann der prachtvolle Zug durch die Stadt in Richtung der Krönungskirche, der Marienkirche, in Bewegung.“ An der Spitze des Zuges ritten der Markgraf von Brandenburg, „an verschiedenen Positionen die anderen Kurfürsten, die Vetreter des Aachener Rates, der Herzog von Julich und geistliche Würdenträger, Gesandte aus vielen Ländern und Städten, Ritter …, allerhand Kriegsknechte und Musikanten“  (Tschacher/Tölke, Die Nachbildungen der Reichskleinodien im Könungfestsal dse Aachener Rathauses, 12). Am Stadttor wurde Karl V. von Vertretern des Marien- und Adalbertstiftes empfangen. „Der König stieg vom Pferd und küßte die von der Aachener Geistlichkeit mitgebrachte Karlsbüste, das Lotharkreuz und andere Reliquien“ (Tschacher/Tölke, ebd.).

 

Am Vorabend der Krönung betrat Karl V. das Atrium, den Vorhof der Marienkirche. Begleitet von den Kurfürsten von Mainz und Köln ging er in die Krönungskirche hinein. „Sofort erwies der König mit einem zweifachen ‚Kniefall‘ Gott und dem heiligen Ort seine Demutsbezeigung. Dabei legte er sich wie seine Vorgänger mit kreuzförmig ausgebreiteten Armen auf den Boden unter dem Barbarossaleuchter und vor den Marienaltar“ (Tschacher/Tölke, 13). Nach dem Te Deum bestätigte er den Kurfürsten in der Sakristei ihre Privilegien und begab sich zur Nachruhe in seinem Quartier in Aachen.

 

Krönung in der Marienkirche

 

Am Krönungstag wurde er in der Frühe von den drei geistlichen Kurfürsten an der Krönungskirche empfangen. In ihr befanden sich auf dem Marienaltar das Evangeliar und die Stephansburse, zwei der Aachener Kleinodien bzw. Reichsreliqien, auf einem anderen Altar die anderen Stücke, vor allem die Nürnberger Reichsinsignien.

 

Die Krönung fand innerhalb einer Messfeier statt. Es war das Vorrecht des Erzbischofs von Köln, die Krönungsgebete zu sprechen. „Diesem gegenüber nahm der mit einem goldenen Obergewand bekleidte König nach einem ‚Kniefall‘, bei dem er sich wiederum vor dem Altar mit ausgestreckten Armen niederwarf, auf einem goldenen Stuhl Platz. Nach der Litanei leistete er einen Eid auf das Reich und den katholischen Glauben. Die Fürsten gelobten dem König Gehorsam und Unterstützung. Der Kölner Erzbischof salbte alsdann den vor ihm niederknienden König“ (Tschacher/Tölke, ebd.).

 

Nach der Salbung des Königs erfolgte die Übergabe der Insiginien, die der König ebenfalls am Marienalter erhielt. Die drei geistlichen Kurfürsten überreichten ihm den Säbel, der Erzbischof von Köln legte ihm als Zeichen des Römischen Reiches den Ring an. Danach reichte er ihm das Zepter in die rechte und den Reichapfel in die linke Hand. Die drei weltlichen Kurfürsten reichten ihm den Krönungsmantel an. Abschließend setzten alle Kurfürsten ihm die Reichskrone aufs Haupt. Danach leistete der Neugekrönte seinen Herrschereid, indem er mit seinem Schwurfinger im Evangeliar den Beginn des Johannesevangliums berührte.

 

Nach Salbung und Krönung, die im Untergeschoss der Marienkirche stattfanden, begab sich der König mit den Kurfürsten und den Kanonikern der Marienkirche zum Thron Karls des Großen, der sich im oberen Umgang des Oktogons befindet. „Auf dem Thron empfing er die Glückwünsche des Kurfürstenkollegiums, trat der Kanonikergemeinschaft des Marienstiftes bei und schlug zahlreiche Personen zu Rittern“ (Tschacher/Tölke, 14). Danach wurde die Krönungsmesse mit dem Evangelium fortgesetzt. Im Anschluss an die Messe schlug der König nochmals viele Personen zu Rittern.

 

Festmahl im Krönungssaal des Rathauses

 

Nach der mehrstündigen Krönungszermonie zog der König mit Gefolge zum Rathaus, der ehemaligen karolingischen Königshalle Karls des Großen. Dabei wurde unter das am Straßenrand und auf dem Freiplatz zwischen Marienkirche und Rathaus zujubelnde Volk Münzen gestreut.

 

Im Krönungssaal fand am Nachmittag das Krönungsmahl statt, wobei die weltlichen Kurfürsten „wie seit alter Zeit die Erzämter (ausübten): der König von Böhmen als Mundschenk, der Pfalzgraf bei Rhein als Truchseß, der Herzog von Sachsen als Marschall und der Markgraf von Brandenburg als Kämmerer. Die Sitzordnung war klar (durch die „Goldene Bulle“) festgelegt. Der König saß sechs bis sieben, die Kurfürsten eine Stufe höher als die übrigen Teilnehmer. Dabei handelte es sich um Bischöfe und weltliche Fürsten, darunter der Herzog von Jülich, die königlichen Räte, die Räte der Stadt Aachen und Nürnberg sowie die Vertreter der Stadt Köln. … Rechts vom König waren die Plätze für den Erzbischof von Köln, den König von Böhmen und den Herzog von Sachsen, der allerdings (beim Krönungsmahl Karls V.) wegen Krankheit fehlte, links saßen der Erzbischof von Mainz, der Pfalzgraf bei Rhein und der Markgraf von Brandenburg. Der Trierer nahm dem König gegenüber Platz. Als Erzkanzler für Deutschland trug der Erzbischof von Mainz einen Stab, an dem an einer Schnur sämtlich Siegel des Reiches hingen. Er übereichte diesen Stab dem König, der ihn sorfort wieder den Kurfürsten zurückgab und ihnen damit symbolisch einen Teil der Sorge um das Reich anvertraute“ (Tschacher/Tölke, ebd.). Nachdem die geistlichen Kurfürsten das Tischgebet gesprochen und den Segen geben hatten, musizierten die königlichen Pfeifer und Posaunenbläser. Sodann begann man mit dem Auftragen der Speisen und  des Weines.

 

Nachfeiern

 

Die folgenden vier Tage waren der Huldigung durch die Aachener Bürger gewidmet. Außerdem fand anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten eine außerordentliche Zeigung der großen Aachener Heiligtümer für den König in der Marienkirche statt. Mit dem Abschied des Königs von der Krönungsstadt endeten die Krönungsfeierlichkeiten.

 

Exkurs: Die Aachener Reichskleinodien

 

Bei den Krönungen der Römischen Könige und späteren Kaiser wurden Symbole der Macht verwendet: die sogenannten Reichkleinodien. „Sie erwiesen den Römischen König und Kaiser in den Augen der Zeitgenossen als den rechtmäßigen Stellvertreter Christi auf Erden. Aus dem Bild des christlichen Herschers ergab sich die religiöse Verehrung der Reichkleinodien. Sie wurden durch christliche Motive und Legenden sowie durch die Einbindung von Reliquien in den Bestand zunehmend zu hochverehrten Heiligtümern. … Die Reichskleinodien sind eine gewachsene Sammlung von Objekten, ein Schatz, der über Jarhunderte hinweg durch Schenkungen und Stiftungen erweiter wurde“ (Tschacher/Tölke, 5).

 

Aachener und Nürnberger Gruppe

 

Bei den sogenannten Reichskleinodien oder Reichsinsignien unterscheidet man herkömmlich zwei Gruppen: die Aachener und die Nürnberger Kleinodien. Zu den Aachener Stücken gehören die Stephansburse, der sogenannte „Säbel Karls des Großen“ und das Reichevangeliar. Die Nürnberger Gruppe umfaßt die Reichskrone, das Reichskreuz, die Heilige Lanze, das Reichsschwert, den Reichsapfel, das Reichszepter und einige Kleidungsstücke, wie z. B. den Krönungsmantel. „In der Aachener Marienkirche wurden die drei Reichskleinodien … zu den insgesamt 24 kleinen Reliquien gerechnet und dauerhaft in der Matthiaskapelle, der Sakristei, in einem Schrank aufbewahrt“ (Tschacher/Tölke, 18). Bei der Aachener Gruppe handelt es sich streng genommen nicht um Reichskleinodien, sondern um Kleinodien, denen der Charakter von Reliquien zugesprochen wurde. Sie sind daher nicht wie die Nürnberger Stücke Symbole der weltlichen Macht des Königs, sondern Ausdruck seiner von Gott gegebenen Sendung. Die Nürnberger Stücken, die die größere Gruppe darstellt, wurden bis zur letzten Krönung in Aachen, der Krönung Ferdinands I. 1536, bei der Krönungszeremonie verwendet.

 

Von Aachen nach Frankfurt

 

„Um die Mitte des 16. Jhs. verlor Aachen (wie bereits gesagt) seinen Status als Krönungsstadt an Frankurt. Dafür gab es (es wurde schon darauf hingewiesen) mehrere Gründe. 1562 wurde Maximilian II. von den Kurfürsten in Frankfurt zum König gewählt. Manches sprach damals dafür, auf den Krönunsgzug nach Aachen zu verzichten. Der Stuhl des Kölner Erzbischofs war justament zu diesem Zeitpunkt nicht besetzt. Es lag nahe, daß der Mainzer Erzbischof, in dessen Diözese Frankfurt lag, die Leitung der Krönung übernahm. Hochwasser behinderte noch dazu die traditionelle Schiffahrt des Krönungszuges über den Rhein. Außerdem war die politische Situation in den Niederlanden äußerst brisant, und Maximilian hegte eine persönliche Abneigung gegen bestimmte Elemente des Marien- und Reliquienkultes, die in Aachen stark praktziert wurden. Eine der wichtigsten prinzipiellen Gründe dürfte Frankfurts zentrale Lage innerhalb des Reiches gewesen sein, während die lange Reise nach Aachen für die in Prag, Wien oder München residierenden Könige oftmals zu beschwerlich war. Auch nahm die Bedeutung der Krönung gegenüber der Wahl seit dem 16. Jh. deutlich ab“ (Tschacher/Tölke, 19). Die Krönung Maximilians II. war die erste Krönung seit 600 Jahren, die nicht mehr in Aachen, sondern in Frankfurt am Main stattfand. Dazu mußten nun die Aachener und die Nürnberger Kleinodien nach Frankfurt gebracht werden. Nach den Krönungsfeierlichkeiten wurden die Kleinodien wieder nach Aachen bzw. Nürnberg zurückgebracht.

 

Im Zuge der Kriege, die durch die  Französische Revolution, ausgelöst worden sind, hat das damaligen Kapitel des Marienstiftes – der Vorgänger des heutigen Domkapitels – dafür gesorgt, dass die Aachener Kleinodien zusammen mit dem übrigen Kirchenschatz vorsorglich nach Paderbron abtransportiert wurden, damit die kostbaren Stücke nicht in die Händer der Franzosen gerieten. Von Paderborn aus gelangten die Aachener Stücke zusammen mit der Nürnberger Gruppe schlussendlich nach Wien, wo sie am 14. Juli 1801 eintrafen (Tschacher/Tölke, 21).

 

Gescheitere Bemühungen um die Rückgabe der Aachener Stücke

 

Kaiser Franz II., der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, hat unter dem Druck der poltischen Umstände in der napoleonischen Zeit am 6. August 1806 auf die Kaiserkrone verzichtet und abgedankt. Damit endete das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und damit auch die Funktion und Bedeutung der Reichsinsignien. „Der Aufenthaltsort der Reichskleinodien wurde vom Wiener Hof streng geheimgehalten, weshalb sich der Wiener Kongress von 1815 nicht mit dem Thema beschäftigte. … Die Lagerung in der Kaiserlichen Schatzkammer gab der Wiener Hof erst auf dem Aachener Monarchenkongress 1818 bekannt“ (Tschacher/Tölke, 22).[2]

 

Seitdem die Reichinsignien in Wien sind, gibt es auch Rückgabeforderugen aus Aachen und Nürnberg. Wien lehnte die Aachener Rückgabeforderungen ab mit dem Argument, „König Richard von Cornwall (reg. 1257-1272) habe die drei Aachener Stücke dem Stift lediglich zur Verwahrung übergeben. … Außerdem habe das Stift selbst die Stücke 1794/1801 nach Wien geflüchtet, um sie unter den Schutz des Kaisers zu stellen“ (Tschacher/Tölke, 22). Auch spätere Rückgaberforderungen Aachens wurde vom Wiener Hof nicht anerkannt. Als die Wiener auch nicht bereit waren, die Orginalstücke anläßlich einer Ausstellung in Aachen zur Hundertjahrfeier der preußischen Herrschaft im Rheinland unter Schirmherrschaft Wilhelms II. freizugeben, erreichten die Aachener zumindest die Zustimmung zur Ausfertigung originalgetreuer Nachbildungen der Hauptstücke der Aachener und Nürnberger Reichsinsignien (Tschacher/Tölke, 23). „Seit 1967 befinden sie sich im Krönungssaal des Aachener Rathauses. Die Kopien wurden aus dem gleichen Material hergestellt wie die Originale und verschlangen, auch wenn es leichte Abweichungen in der Farbe der Edelsteine und der Maße gab, 168.721 Mark, eine damals ungeheure Summe, wenn man vergleicht, dass die Frankfurter Kopien von Krone, Zepter und Reichapfel beispielsweise lediglich 3.000 Mark gekostet hatten. 10.000 Mark steuerte Kaiser Wilhlem II. bei, die Rheinprovinz leistete einen Beitrag von 55.000 Mark. Der Löwenanteil von 103.721 Mark fiel allerdings der Stadt Aachen zu“ (Kreup/Pohlit u. a., „…die keyserlichen zeychen…“. Die Reichskleinodien- Herrschaftszeigen des Heiligen Römischen Reiches, 1. Auflage, Regensburg 2009, 87 f.).

 

Wenngleich die Aachener augenblicklich keine Rückgabeforderungen stellen und froh sind, orginalgetreue Nachbildungen zu besitzen, die vom Materialwerk sogar die Orginale übertreffen, so ist deutlich, dass Nachbildungen niemals  Orginale ersetzen können. So stellt sich am Ende die Frage, wem das Eigentumsrecht der Aachener Stücke zukommt: den Wienern oder den Aachenern?

 

Wer ist rechtmäßige Eigentümer der drei Aachener Kleinodien?

 

Es stehen sich in der Rechtsfrage des Eigentümer-Besitzer-Verhältnisses zwei Positionen gebenüber. Die Wiener berufen sich darauf, dass sich zum Zeitpunkt der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches 1806 durch Kaiser Franz II. die Reichsinsignien in Wien befanden. „Gemäß den Gebräuchen des internationalen Rechtes geht das Vermögen einer Rechtspersönlichkeit bei deren Erlöschen ohne Rechtsnachfolger in den Besitz des Staates über, auf dessen Hoheitsgebiet es sich zum Zeitpunkt des Erlöschens befindet, und deshalb gehören die Reichsinsignien heute rechtmäßig der Republik Österreich als Rechtsnachfolgerin des 1804 gegründeten Kaiserreichs Österreich“ (www.wiener-schatzkammer.at), so das Argument der Befürworter für den Verbleib der Reichsinsignien in Wien.

 

Die Aachener machen ihr Recht auf die Aachener Stücke wie folgt geltend: „Das Reichseveangliar wurde … zum Ende des 8. Jahrhunderts in der Aachener Hofschule geschrieben und um 1500 von dem Aachener Goldschmied Hans von Reutlingen mit einem Einband aus vergoldetem Silber versehen. Die Stephansburse entstand im 1. Drittel des 9. Jahrhunderts vermutlich in Reims mit blutgetränkter Erde vom Jerusalemer Martyriumsplatz, Blut des ersten Märtyrers, des hl. Stephanus; der Säbel aus dem 10./11. Jahrhundert ist vermutlich ungarischen Ursprungs … . Wenngleich es keine Belege für die Herstellung und den ersten Eigentgumserwerb dieser Gegenstände gibt, ist festzustellen, dass sie seit unvordenklicher Zeit ständig im Marienstift in Aachen aufbewaht und bei Königskrönungen bis zur letzten Krönung Ferdinands I. in Aachen 1531 auch nur hier … verwandt wurden. Erst ab 1562 verließen sie jeweils vorübergehend zu Krönungszeremonien kurzfristig Aachen, nachdem sie von den Kurfürsten beim Marienstift angefordert worden waren. Daraus ist gefolgert worden, das Marienstift habe lediglich ein Recht zur Aufbewahrung gehabt. Rechtsträger sei bis zu seinem Ende das Heilige Römische Reich gewesen.

 

Diese Rechtsauffassung ist irrig, was ein Vergleich mit den Nürnberger Kleinodien belegt. Die Reichskleinodien – und darum kann es sich qua defintione nur bei den Nürnberger Stücken handeln … wurden seit 1246 in Reichsinsignienlisten geführt. Zunächst verwahrte der jeweilige König sie in seinem Herrschaftsberich. König Sigismund … übertrug … der freien Reichsstadt Nürnberg das Recht, diese Reichkleinodien ständig aufzubewahren …. . Warum Kaiser Sigismund diese Entscheidung traf, ist ebenso unbekannt wie unerheblich.

 

Die Stücke der Aachener Gruppe sind keine Reichskleinodien

 

Hier lassen sich die entscheidenden Unterschiede (der Nürnberger zu den Aachener Kleinodien) aufzeigen: Die Aachener Kleinodien sind keine Insignien; sie sollten auch nicht ‚Reichskleinodien‘ genannt werden, da dieser Begriff im Zusammenhang mit den Aachener Kleinodien irreführend ist. Allein die Tatsache, dass die Aachener Kleinodien nicht gemeinsam mit den Nürnberger Kleinodien aufbewahrt wurden, indiziert den Unterschied.“ Dieser wird nochmal zudem offenkundig, wenn man bedenkt, dass „(d)er politische Schwerpunkt der Inthronisation … in der Übergabe der Insignien (Nürnberger Kleinodien) lag; der religiöse Aspekt dominierte beginnend mit dem Te Deum, setzte sich mit der Aufnahme in das Aachener Kapitel fort, und erst als Mitglied dieses Kapitels leistete der frisch gekürte Herrscher den Treueid unter Bezugnahme auf die Stephansburse und das Evangelienbuch. Das bedeutet: Die Aachener Kleinodien besitzen einen anderen Charakte als die Nürnberger Kleinodien und sind, da sie bis 1562 Aachen nicht verließen, Jahrhunderte lang als Reliquien im Eigenbesitz des (Aachener) Marienstifts gewesen. … Zusammenfassend ist festzustellen, dass die ‚Nürnberger Reichskleinodien‘ mit dieser Bezeichnung zutreffend qualifiziert wurden. Demgegenüber steht bei den Aachener Kleinodien der Reliquiencharakter im Vordergrund. … Die Aachener Kleinodien sind keine Reichskleinodien, da sie … nicht dem Reich, sondern dem Marienstift (in Aachen) zuzuordnen sind“ (Maassen, Rechtsgutachten über die „Reichskleinodien“ aus Aachen, in: Recht und Unrecht – 1200 Jahre Justiz in Aachen, 8. Ausgabe 215 ff.).

 

Das Bistum Aachen ist Eigentümer der Aachener Kleinodien

 

Eigentümer der drei Aachener Kleinodien nach dem Ende des Heiligen Römischen Reichs ist daher weder das Königreich Österreich bzw. nach 1918 die Republik Österreich, sondern das Aachener Marienstift, das eine eigene Rechtspersönlichkeit besaß. Dessen heutiger Rechtsnachfolger ist das unter Napoleon neugegründete Bistum Aachen, das als solches Rechtspersonalität besitzt. „Anspruchsberechtigt, die Herausgabe der drei (Aachener) Kleinodien zu velangen, ist (somit) das Bistum Aachen. Das ständige Verweigern, die Kleinodien herauszugeben, könnte … ein völkerrechtswidriger … Eingriff sein, der duch die Bundesegierung auf diplomatischem Wege gelöst werden sollte“. Fest steht: „Ein Recht zum Besitz, ein Zurückbehaltungsrecht … oder ein in anderer Weise den Herausgabeanspruch hinderndes Recht ist nicht erkennnbar“ (Maassen, 221).

 

Karoli praesentia – Die Gegenwart Karls des Großen in Aachen

 

„Aachen – Stadt Karls des Großen und Krönungsort des Heiligen Römischen Reiches“. So lautet der Titel des Vortrages. Ausschlaggebend für die 600jährige Tradition der Königskrönungen in Aachen seit Otto I. bis zu Ferdinand I. waren das Grab und der legendäre Thron Karls des Großen in der von ihm erbauten Aachener Marienkirche. Die Krönung am „rechten Ort“, dort wo sich das Grab des eigentlichen Begründers dieses Reiches und dessen Thron befinden, war bedeutender und wichtiger als die Krönung mit einer bestimmten Krone und anderen Insignien, was auch in den zweihundert Jahren der Frankfurter Krönungen galt, da der Anspruch Aachens als Krönungsort durch den Wechsel der Krönungen nach Frankfurt niemals erlosch und das Aachener Krönungszeremoniell auch noch in der Frankfurter Zeit beachtet wurde.

 

So hat Karl der Große die geschichtliche Bedeutung der Stadt Aachen und ihren Ruhm begründet. Bedeutung und Ruhm der Kaiserstadt leben heute u. a. noch fort im Europagedanken, der sich besonders in der alljährlichen Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen im historischen Krönungssaal des Aachener Rathauses ausdrückt.

 

Der Ruhm Aachens findet nicht zuletzt hymnisch ein Echo in der im Umkreis der Heiligsprechung Karls des Großen entstandenen mehrstrophigen Sequenz der Karlsliturgie „Urbs Aquensis, urbs regalis“.  Sie  ist die Aachener Stadthymnus und ein Lobgesang auf ihn, den Begründer der Stadt und des Reiches, der durch sein Grab und seine Reliquien in Aachen weiterhin gegenwärtig ist: Karl den Großen:

 

Urbs Aquensis, urbs regalis,
regni sedes principalis,
prima regum curia.
Regi regum pange laudes,
quae de magni regis gaudes
Caroli praesentia.

 

Stadt der Wasser, königliche Stadt,

des Reiches höchter Thronsitz,

erster Hof der Könige,

Dem König der Könige singe Lob,

der du des großen Königs dich erfreust,

der Gegenwart Karls.

 

(Übersetzung: Helmut und Ilse Deutz, Die Aachener Vita Karoli Magni des 12. Jahrhunderts, 325)

 

 


[1] Dieses Kloster im Süden der heutigen Stadt Aachen, ca. 10 km von heutigen Stadtzentrum entfernt, hatte Ludwig der Fromme erbauen lassen. Karl der Große war mit seinem großen Reformprogramm auch um eine Vereinheitlichung des Mönchtums in seinem Reich bemüht. Darum sollte die Regel des Mönchvaters Benedikt von Nursia in allen Klöstern seines Reiches beachtet werden. Das Projekt der Vereinheitlichung des Mönchtums wurde allerdings erst von Karls Sohn Ludwig dem Frommen vollendet. Dieser hatte in Aquitanien den Benediktinerabt Benedikt von Aniane kennengelernt. Nachdem Ludwig 814 die Nachfolge seines Vaters angetreten hatte, berief er Benedikt nach Aachen, wo er in den Folgejahren die Vereinheitlichung organisierte, die schließlich auf dem Aachener Konzil bzw. der Aachener Reichssynode von 816, die bis 819 tagte, zur Vollendung gebracht wurde. Die in Aachen Versammelten schrieben die Regel und das von Benedikt verfasste Capitulare monasticum als alleinverbindliche Mönchsregel fest. Von Aachen aus erhielt der Benediktinerorden seine spätere Form und Bedeutung. Darüber hinaus entschied man in Aachen auch die deutliche Trennung zwischen Mönch und Kanoniker.

 

Ludwig nannte das Kloster wegen des Flusses Inde Monasterium ad Indam (Kloster an der Inde). Nachdem durch Karl den Kahlen, den Sohn und Nachfolger Ludwigs des Frommen, eine Arm- und Kopfreliquie des heiligen Papstes Kornelius, der 253 das Martyrium erlitten hatte, und des heiligen Cyprian von Karthago in das Kloster an der Inde gebracht worden waren, wurde der Ort 1028 umbenannt. Seitdem heißt er Kornelimünster und ist heute ein Stadtteil Aachens. Die ehemalige Abteikirche birgt neben den genannten Reliquien einen weiteren bedeutenden Reliquienschatz: das Schürztuch, mit dem Christus den Jüngern beim Letzten Abendmahl die Füße abgetrocknet haben soll, das Schweißtuch, das Christi Gesicht während der Grabesruhe bedeckt haben soll, und das Grabtuch Christi. Die Reliquien werden den Gläubigen zeitgleich mit der alle sieben Jahre in Aachen stattfindenen Heiligtumsfahrt zur Verehrung gezeigt.

 

Diese Aachener Heiligtumsfahrt findet seit 1349, dem Jahr, als Karl IV. (der Luxemburger) in Aachen zum König gekrönt worden ist, alle sieben Jahre statt. „Um die Einzigartigkeit seiner Pfalzkapelle darzustellen, stattete Karl (der Große) sie mit Reliquien aus. Im Jahre 799 überbrachte ihm ein Mönch aus Jerusalem … vier große Reliquien als Geschenk des Patriarchen von Jerusalem. Es waren die Windeln und das Lendentuch Jesu, das Kleid Mariens aus der Heiligen Nacht und das Enthauptungstuch Johannes des Täufers“ (Jungen, 40). Auch das vorher genannte Schürz- und  Schweißtuch Jesu aus Kornelimünster waren ursprünglich Teil des reichen Reliquienschatzes der Aachener Pfalzkapelle. Später gelangten dieser Teil durch einen Reliquienaustausch nach Kornelimünster.

 

Aachen entwickelte sich dank der vielen bedeutenden Reliquien und der Heiligsprechung Karls des Großen neben Jerusalem, Rom und Santiago de Compostella zu einem der wichtigsten Wallfahrtszentren Europas. Der Zustrom von Pilgern, aber auch die Königskrönungen, machte eine Erweiterung der Pfalzkapelle erforderlich. So entstanden um den Zentralbau des von einen Sechzehneck umfassenden Oktogons ein Kranz von gotischen Kapellen. Für die großen Reliquien wurde ein eigener Schrein, der Marienschrein, 1239 fertiggestellt. Er birgt seit dieser Zeit die kostbaren Reliquien und wird alle sieben Jahren zur Aachener Heiligtumsfahrt geöffnet.

Die aufwendigen Krönungszeremonien und die zahllosen Pilger führten, wie gesagt, in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu Überlegungen, den Zentralbau, das Oktogon, durch Annex- und Kapellenbauten zu erweitern. 1355 gab das damalige Aachener Stiftskapitel grünes Licht zum Bau der gotischen Chorhalle an der Ostseite des Oktogons. Dieser Annexbau in Form einer Saalkirche mit polygonalem Abschluss lehnt sich formal an Vorbilder wie die 1239-1248 im Auftrag Ludwigs des Heiligen in Paris errichtete Sainte-Chapelle an, die ebenfalls ein Aufbewahrungsort kostbarer Reliquien ist und königliche Palastkapelle war. Doch auch wenn die formale Nähe der Aachener Chorhalle zum Pariser Original erkennbar ist, sollte in Aachen nicht nur eine Kopie entstehen, sondern etwas Eigenes geschaffen werden.

 

An der Ostseite der gotischen Chorhalle befindet sich der Karlsschrein. Bis 1215 ruhten die Gebeine Karls des Großen in einem antiken Marmorsarkophag, dem sog. Proserpiansarkophag aus dem 3. Jahrhundet n. Chr., der heute noch in der Schatzkammer des Aachener Domes zu sehen ist. Kaiser Friedrich I. Barbarossa hatte im Zusammenhang mit der Heilgsprechung Karls des Großen am 29. Dezember 1165 einen goldenen Schrein für die Gebeine des Frankenkaiser in Auftrag gegeben. Er wurde unter seinem Enkel Friedrich II., dem Staufer, 1215 fertiggestellt.

 

Der goldende Karlsschrein stand die ersten zweihundert Jahre in der Mitte des Oktogons und wurde nach 1414 in die damals unter Kaiser Sigismud fertiggestellte gotische Chorhalle versetzt, wo er heute noch steht.  Kaiser Sigismund ist im selben Jahr 1414 zum König in Aachen gekrönt worden.

 

[2] Der Aachener Monarchenkongress war eine Folge der Vereinbarungen auf dem Wiener Kongress, zur Sicherung des Friedens „anstehende Probleme bei persönlichen Zusammenkünften zu lösen“ (Jungen, 72). Anlässlich des fünften Jahrstages der Völkerschlacht bei Leipzig, als Preußen, Österreich und Russland 1813 Napoleon schlugen, kamen die Monarchen als Vertreter der „Heiligen Allianz“ - König Friederich Wilhelm III. von Preußen, Kaiser Franz I. von Österreich, jener der als Franz der II. am 6. August 1806 auf die Reichkrone verzichtet und abgedankt hatte, und Zar Alexander von Rußland - vom 30. September bis 21. November 1818 in der alten Kaiser- und Krönungsstadt Aachen zusammen. Es ging u. a. auf dem Drei-Monarchen-Kongress darum, die auf dem Wiener Kongress Frankreich auferlegten Kriegsentschädigungen und dessen Besetzung durch allierte Armeen zurückzuziehen (Jungen, 72 f.).

 

 

 

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