Aachen im Imperium Romanum

 

Der Gallische Krieg


In den Jahren 58 bis 51/50 vor Chr. führte der römische Feldherr Gaius Iulius Caesar (100-44 v. Chr.) seinen Krieg gegen die Gallier. Darüber berichtet er - freilich nicht ohne Eigeninteressen - in den von ihm verfaßten "Commentarii de Bello Gallico". Im Jahre 58 v. Chr. übernimmt er die Statthalterschaft des cis- und transalpinen Galliens (Gallia cisaplina  = Oberitalien, Gallia transalpina = Gallia Narbonensis = Südfrankreich). Die Unterwerfung Galliens war ihm wichtig, da es als zuverlässiges Bollwerk gegen die Germanen diente und zugleich eine sichere Landverbindung zwischen Rom und Spanien darstellte. Durch den Gallischen Krieg gewann Caesar Gallien für das römische Imperium. Die "Commentarii de Bello Gallico" beginnen mit den Schilderungen des Krieges gegen die in Gallia tranalpina eindringenden Helvetier im Jahre 58 v. Chr. Den Ereignisse der folgenden Jahre widmet Caesar jeweils ein Buch. 

Caesars Vernichtungskrieg gegen die rebellischen Eburonen


Im 6. Buch seiner "Commentarii de Bello Gallico" berichtet Caesar, wie seine Legionäre im Zuge ihrer Eroberungen auch in das Gebiet, in dem sich das heutige Aachen befindet, gelangten. Zwischen Maas (lat.: Mosa) und Rhein (lat. Rhenum) siedelte der keltische Volksstamm der Eburonen (lat.: Eburones). Caesar zählt sie zu den linksrheinischen Germanen. Ihr Gebiet lag genau zwischen Rhein, Maas, Rheinland, Nordardennen und Eifel. Mittelpunkt des eburonischen Stammesgebietes war nach Caesar jedoch die Festung Atuatuka. Nachdem die Eburonen unter ihrem Führer Ambiorix gegen die römischen Legionäre aufbegehrt und an dem Ort Atuatuka 15 Kohorten der römischen Legion niedergemetzelt hatten, schlug Caesar zurück. Atuatuka war der Name eines befestigten Platzes im Gebiet der Eburonen. 

Die Festung Atuatuka (Aachen) im Gebiet der Eburonen

Eine lange und komplizierte Diskussion rankt sich um die tatsächliche Lokalisierung des legendenumwobenen Platzes Atuatuca, der nicht verwechselt werden darf mit dem 15 v. Chr. gegründeten gleichnamigen Hauptort der germanischen Tungern, Aduatuca Tungrorum, dem belgischen Tongern unweit des heutigen Aachen. Nach Axel Hausmann kann es sich bei dem Ortsnamen Atuatuka nur um Aachen handeln. Seine Argumente überzeugen: 

 

"Im folgenden will ich zeigen, daß es nur an den heißen Quellen von Aachen gelegen haben kann, wo es im Winter 54 und 53 zu einer Katastrophe für anderthalb römische Legionen kam. Das Stammesgebiet der Atuatuker läßt sich gut lokalisieren." Es beginnt "östlich vom Land der Nervier etwa bei Lüttich ... . Nördlich reicht es bis Tongern ... . Atuatuka Tungrorum ist sein späterer Name - und erstreckt sich östlich von Aachen ... bis Stolberg. Der (Stolberger. Erg. von GPW) Ortsteil Atsch leitet seinen Namen durch Lautverschiebung von Atuatuka ab. Im Norden und Süden war der Volksstamm von keltischen Eburonen umgeben. Nach der Vernichtung des größten Teils er Atuatuker wurden die Eburonen wieder ein unabhängiger Volksstamm. Sie standen unter der Führung der Stammesführer Ambiorix und Catuvolcus. Caesar benutzte den Namen Atuatuka eindeutig für den Platz des Winterlagers." 

Die heißen Quellen von Aachen

Hausmann fährt fort: "Der erste Wortteil Atua bedeutet Wasser und ist mit dem lateinischen Wort aqua verwandt. Das Wort wird überweigend als Bezeichung für Quellen benutzt und steht im Gegensatz zur Benennung von größeren Gewässern wie Seen oder Teichen. Man kann daher schließen, daß sich die Atuatuker im Jahr 105 v. Chr. an den heißen Quellen von Aachen niederließen und von dort zur Landnahme nach Westen bis an die Maas vordrangen. Sie vertrieben die hier siedelnden Ebuorenen und machten den ganzen Stamm tributpflichtig. Da sie an die Quellen gezogen waren, nannten sie sich Atuatuker. ... Caesar beschreibt im Verlauf der Ereignisse des Winters 54 und 53 sehr genau die Lage des Winterlagers, in dem die XIV. Legion und zusätzliche fünf Kohorten liegen. Es sind und 50 Meilen bis zum Lager Ciceros, und etwas mehr mißt die Strecke bis zur Legion des Labienus. Dadurch ist festgelegt, daß man tatsächlich in der Gegend um Aachen nach Atuatuka suchen muß. Dies stimmt auch mit späteren Angaben überein, die aussagen, daß die Entfernung zum Rhein rund drei Stunden mit dem Pferd beträgt. Auf holperigen Wegen kann man in einer solchen Zeitspanne ungefähr sechszig bis höchtens siebzig Kilometer bei strammem Ritt zurücklegen. Wenn alle Schilderungen nun dafür sprechen, daß wir das Lager um Aachen herum zu suchen haben, dann liegt es eigentlich auch nahe, mitten in Aachen an den heißen Quellen nach ihm zu forschen. Schließlich kamen die Legionäre aus dem warmen Oberitalien und mußten hier in einen unwirtlichen, feindlich gesonnen Land überwintern. Die warmen Quellen boten da einen Trost für die Unbillen der Witterung" (A. Hausmann, Aachen zur Zeit der Römer. Der Goldene Schnitt, Aachen 2000, 29 ff).

 


Caesar schafft die Ausrüstung der Legionen nach Atuatuka (Aachen)

Segni Condrusique ex gente et numero Germanorum, qui sunt inter Eburones Treverosque, legatos ad Caesarem miserunt oratum, ne se in hostium numero duceret neve omnium Germanorum, qui essent circa Rhenum, unam esse causam iudicaret; nihil se de bello cogitavisse, nulla Ambiorigi auxilia misisse. Caesar re explorata quaestione captivorum, si qui ad eos Eburones ex fuga convenissent, ad se ut educerentur, imperavit; si ita fecissent, fines eorum se violaturum negavit. Tum copiis in tres partes distributis impedimenta omnium legionum Atuatucam contulit, id castelli nomen est. Hoc fere est in mediis Eburonum finibus, ubi Titurius atque Aurunculeius hiermandi causa consederant. Hunc cum reliquis rebus locum probabat, tum, quod superioris anni munitiones integrae manebant, ut militum laborem sublevaret. Praesidio impedimentis legionem quartam decimam reliquit, unam ex iis tribus, quas proxime conscriptas ex Italia traduxerat. Ei legioni castrisque Q. Tullium Ciceronem praefecit ducentosque equites ei attribuit.

(De Bello Gallico, Lib. VI, 32)

 

 

 

Inschriften


Die Siedlung (vicus) "Aquis Granni"


Die heißen Quellen mögen Caesar veranlaßt haben, dass seine Legion im Jahre 54 in Atuatuka überwinterten. Mit dem Vorstoß der Römer an den Rhein wurde der Ort schnell kolonisiert. "Durch Flurbereinigung, Landvermessungen und Erschließung neuer Landstriche wurden Anbauflächen gewonnen und verteilt, zahlreiche Landgüter mit Villen nach italienischen Vorbilder lassen sich im Umland von Aachen in besonderer Dichte archäologisch nachweisen. Daneben gab des die Bergwerke für den Abbau von Blei in der Nordeifel, Eisenerz an der Rur, Steinkohle und Kupfer bei Aachen. Gold wurde westlich von Monschau gewonnen und Silber südlich von Düren, dazu kamen die Steinbrüche und Ziegeleien, die wie die Bergweke unter kaiserlicher oder militärischer Verwaltung standen und beim Aufschwung der Region einen wichtigen Beitrag leisteten. Das Handwerk began mit der Produktion von Waren, die zuvor aus Italien oder Gallien eingeführt worden waren. Auch auf dem Aachener Stadtgebiet fanden sich bei Ausgrabungen aus der frühesten Zeit der Ansiedlung Töpfereien und Gerberein sowie metallverarbeitende Werkstätten nordöstlich des Marktes im Bereich der Großkölnstraße" (M. Römling, Aachen, 21 f).

 

Aachen lag in der römischen Provinz Niedergermanien (Germania Inferior) zwischen dem Gebiet der Ubier im Osten und der Tungrer im Westen. Beide Siedlunggebiete waren zum Verwaltungsstatus einer civitas herangewachsen. Damit wurde den einheimische Stämmen eine gewisse Eigenständigkeit zugestanden. Die civitas umfaßte eine Stammesgebiet mit einen zentralen Ort. Aachen lag zwischen den Stammesgebieten der Ubier im Osten und den Tungrer im Osten. Der Hauptort der Ubier war Köln, der der Tungrer Tongeren. Die höchste Rechtsform, die einem Gemeinwesen zuteil werden konnte, war die der colonia. Davon exisitierten in Niedergermanien drei: Köln, Xanten und Trier. Weil Aachen nicht zu einer civitas gehörte, konnte es nicht zu einer colonia aufsteigen. Aachen blieb darum ein vicus (Kleinstadt), d.h. eine Gebietskörperschaft, die auf der untersten Ebene des kommunalen Ebene des römischen Verwaltungssystems stand. Aachen war darum nicht autonom wie die colonia, seine Bewohner kamen nicht in den Genuss des Bürgerrechtes und der Steuervorteile. 

Die heißen Quellen


Zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. legten die Römer an diesem Ort eine Siedlung an, einen "vicus". Dieser vicus wurde wegen der dort sprudelnden heißen Quellen sehr wahrscheinlich damals schon Aquae Granni genannt (vgl. M. Römling, Aachen, 22). Grannus war ein keltischer Heilgott, dessen Verehrung in Nieder- und Obergermanien sehr verbreitet war. Die Römer setzten ihn mit Apollo gleich. Wegen der heißen Quellen nannten die Römer den Ort "Aquis Granni": an den Wassern des Grannus. Zuweilen wurde er auch nur Aquis (= an den Wassern) genannt. Urkundlich taucht der Name für den vicus allerdings erstmals im Jahre 765 auf. "Voraussetzung für seinen Aufstieg waren die warmen Quellen, deren Wasser aus der Voreifel stammt und über unterirdische Kanäle aus seiner Tiefe von mehr als 3000 Metern in Aachen und Burtscheid (heute Stadtteil von Aachen. Erg. GPW) mit Temperaturen von teilweise über 70° C an die Oberfläche steigt. ... Vor allem das römische Militär lernte das Aachener Wasser mit seinen therapeutischen Wirkungen bei Rheuma und Gicht schnell zu schätzen, zumal die öffentliche Badekultur sich gerade zu dieser Zeit auf breiter Front durchzusetzen begann" (M. Römling, Aachen, 23).

 

Wegen der an den Thermen verehrten Götter war Aquis Granni für die Römer nicht nur ein begehrter Bade- und Erholungsort, sondern auch ein wichtiger Kultort. Cassius Dios berichtet in seinen in griechischer Sprache verfaßten "Historiae Romanae", dass sogar der an schwerer Krankheit leidende Kaiser Caracalla (177-217) den Hauptort des keltischen Wassergottes Grannus besucht habe. Es gab allerdings in Germanien mehrere Zentren der Verehrung des Heilgottes Grannos. Doch trug der Kultort im ehemaligen Gebiet der Atuatuka den Namen "Aquae Granni". Walter Kammerer schießt daraus, dass es nicht abwegig sein dürfte "anzunehmen, dass Caracalla damals diesen Gott hier in Aachen ... aufgesucht habe" (W. Kaemmerer, Aachener Quellentexte, 13). 

Weiheinschriften


In der zweiten Hälfte des 1. Jahrhundets n. Chr. errichteten die Römer in Aquis Granni Thermenanlagen, die als Erholungsbäder für die Grenztruppen der niedergermanischen Legionslager genutzt wurden (vgl. M. Römling, Aachen, 24). Die erste befand sich am Büchel in der heutigen Aachener Innenstadt ("Bücheltherme"), die zweite an der Stelle der spätren Pfalzkapelle Karls des Großen, des heutigen Domes ("Münstertherme"). Der Badeort war zugleich ein dem keltischen Gott Grannus (Apoll) geweihter Kultort. Unter anderem bezeugen zwei bedeutende Weiheinschriften diese kultische Bestimmung der römischen Thermenanlage.

 

Merkur-Altar an der "Münstertherme"


An der "Münstertherme" hat ausweislich archäologischer Entdeckungen ein Merkur-Altar gestanden. "Der griech.-röm. Handelsgott Hermes = Mercurius war - laut Caesar (Bell. Call, VI, 17) - der von den Galliern am meisten verehrte Gott; er besitze die meisten Bildnisse, sei Erfinder aller Künste, führe auf Wegen und auf Reisen und habe in Geld- und Handelsangelegenheiten größten Einfluß. Seinem Wesen nach wurde er dem kelt. Esus, wie auch dem german. Woten, gleichgesetzt. Auf Inschriften erscheint er mit vielerlei Beinamen wie ... mit dem einmaligen Zusatz der 'Flüsterer' ... ." (W. Kaemmerer, Aachener Quellentexte, Aachen 1980, 5).

 

(MER)URIO  SUSURRIONI  V(I)CTORINUS  VADINI  FILIU(S) V(OTUM)  S(OLVIT)  L(UBENS)  M(ERITO)  L(AETUS)  P(OSUIT  D(EDICAVIT)

 


Apollo-Stein in Aachen-Burtscheid


Auch im nahegelegenen Burtscheid (heute ein Stadtteil Aachens) wurden Thermenanlagen errichtet. Wie archäologische Funde zeigen, verehrten die römischen Legionäre hier ihren Sonnengott Apollo, der - wie gesagt - dem keltischen Heilgott Grannus gleichgesetzt wurde. Ein gewisser Lucius Latinus Macer aus Verona, der zuerst als Centurio der in Spanien aufgestellen IX. Legion gedient hatte und danach als Lagerpräfekt in Nimwegen stationiert war, weilte in Aquis Granni, genauer in den Thermen von Burtscheid, zur Kur und löste bei der Gelegenheit ein Gelübde an den Heilgott Apollo ein. Er ließ das Gelübde in einem Weihestein als Inschrift anfertigen.

 

L(UCIUS)  LATINUS  L  F(ILIUS)  PUBLILIA  MACER  VER(ONA)  P(RIMI)  P(ILUS)  LEG(IONIS)  VIIII  HISP(ANAE)  PRAEF(ECTUS)  CAST(ORUM)  PRO  SE  ET  SUIS   APPOLINI  V(OTUM)   S(OLVIT)  L(IBENS)  M(ERITO)

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