Latein unter der Lupe

Der emeritiere Münchener Professor für Altphilologie, Wilfried Stroh, hat einen lateinischen Text Papst Benedikts XVI unter die Lupe genommen und auf stilistische und grammatische Defizite hin untersucht. Wenngleich der betreffende lateinische Text (es handelt sich um die Rücktrittsankündigung Papst Benedikts XVI. vom 11. Februar 2013) stilistisch nicht gerade vorbildlich ist, sollte man dennoch nicht den Stab über den Papst brechen, wie es der kritische Altphilologe tut. Denn zum einen weiss Stroh doch gar nicht, ob Benedikt XVI. tatsächlich der Verfasser des lateinischen Textes gewesen ist. Möglich ist es auch, dass er einen von ihm eigenhändig geschriebenen deutschen Text dem Lateinbüro des Vatikans zur Übersetzung anvertraut hat. Doch selbst wenn der Papst den lateinischen Text selber verfasst hat, dann sollte der geschulte Altphilologie berücksichtigen, dass Benedikt XVI niemals an einem altphilologischen Seminar für lateinische Stilübungen teilgenommen hat. Ferner ist zu bedenken, dass sich die Semantik klassischer lateinischer Begriffe und Wendungen  im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat, nämlich seit der "Taufe" der heidnischen Sprache der alten Römer durch das Christentum. Seitdem haben ursprünglich klassische Begriffe eine erweiterte oder neue Bedeutung erhalten. Man denke nur an Begriffe wie "fides", "persona" oder "sacramentum".

 

Benedikt XVI schrieb  kein Cicero-Latein. Das war gar nicht seine Absicht. Vielmehr stellte sich der Papst in die Tradition des christlichen und (genauer) des kirchenrechtlichen Latein. Da mögen Begriffe und Wendungen wie "quibus competit" oder "quod ad me attinet" (das man klassisch wohl eher mit der Präposition "de" mit dem Ablativ" oder einfach mit "equidem" übersetzt)  zwar schwerfällig erscheinen, aber sie sind durchaus üblich und richtig. Und Stroh sollte nicht vergessen, dass sich zuweilen sogar in manchen Cicero-Texten die Wendung "quod attinet ad..." findet. In kirchennrechtlichen Dokumenten, auch im CIC/1983, kommt diese Wendung häufig vor.

 

Zum Schluss noch dies: Der Titel des Beitrages suggeriert, dass der Papst fehlbar sei. Auch wenn der Papst kein klassisches Latein verwendet hat, bleibt die Unfehlbarkeit davon unberührt, denn päpstliche Infallibilität bezieht sich nicht auf die Sprache, schon gar nicht auf den Sprachstil, sondern einzig und allein auf die Glaubens- und Sittenlehre, wenn der Papst sie ex cathedra verkündet.

 

Trotz dieser Kritik und Nuancen sind die altphilologischen Bemerkungen Strohs für Lateinliebhaber zweifellos lesenwert.

 

Latein unter der Lupe eines angesehenen Altphilologen

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