Liturgische Missbräuche

Liturgie ist gefeiertes Dogma

 

Papst Johannes Paul II. hat in seiner letzten 2003 erschienen Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (die Kirche lebt von der Eucharistie), die dem Geheimnis der heiligen Eucharistie gewidmet ist, u. a. darauf hingewiesen, dass liturgische Missbräuche "zur Verdunkelung des rechten Glaubens und der katholischen Lehre über dieses wunderbare Sakrament" beitragen. Wörtlich schreibt er:

 

"Überdies gibt es in dem einen oder anderen Bereich der Kirche Missbräuche, die dazu beitragen, den rechten Glauben und die katholische Lehre über dieses wunderbare Sakrament zu verdunkeln. Zuweilen kommt ein sehr bedeutungsminderndes Verständnis der Eucharistie zum Vorschein. Einmal seines Opfercharakters beraubt, wird das eucharistische Geheimnis so vollzogen, als ob es nicht den Sinn und den Wert eines Treffens zum brüderlichen Mahl übersteigen würde. Darüber hinaus ist gelegentlich die Notwendigkeit des Amtspriestertums, das in der apostolischen Sukzession gründet, verdunkelt, und die Sakramentalität der Eucharistie wird allein auf die Wirksamkeit in der Verkündigung reduziert. Von da her frönen hier und da ökumenische Initiativen, obgleich edel in ihren Intentionen, eucharistischen Praktiken, welche der Disziplin, mit der die Kirche ihren Glauben ausdrückt, widersprechen. Wie sollte man nicht über all dies tiefen Schmerz zum Ausdruck bringen? Die Eucharistie ist ein zu großes Gut, um Zweideutigkeiten und Minimalisierungen zu dulden." (Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia [2003] Nr. 10)

 

Der Papst spricht von einem Zusammenhang zwischen der Weise, wie wir die heilige Eucharistie feiern, und dem, was wir glauben. Die Liturgie ist Feier und Ausdruck des Glaubens der Kirche, und der Glaube der Kirche manifestiert sich in der Liturgie. Liturgie ist der Spiegel der Glaubenslehre der Kirche, sie ist gefeiertes Dogma. In den Orationen (Gebeten), Lesungen, Gesängen, in den Riten, Zeremonien und Rubriken der Messfeier findet der Glaube der Kirche seinen Ausdruck. In beiden Formen des Römischen Ritus, der ordentlichen wie der außerordentlichen, kommt der Glaube der Kirche, wenngleich auf unterschiedliche Weise, zum Ausdruck. Darum ist die Weise, wie wir die Liturgie feiern, zugleich Norm des Glaubens und umgekehrt ist der Glaube die Norm unseres liturgischen Betens. Aus der Liturgie, der lex orandi, lässt sich die Norm des Glauben, die lex credendi, erheben, und der Glaube ist die Norm für die Liturgie. Zwischen Liturgie und Glauben besteht darum eine enge Wechselwirkung. Sie bedingen sich gegenseitig.

Die Folge ist, dass der Glaube beeinträchtigt wird, wenn Liturgie nicht dem Glauben gemäß gefeiert wird. Umgekehrt gilt: Die Liturgie wird verfälscht, wenn der Glaube nicht mehr geteilt wird, wenn Glaubenwahrheiten bezweifelt und geleugnet werden. Liturgische Missbräuche sind einerseits die Folge eines Glaubensverlustes, andererseits tragen sie selber zur "Verdunkelung des Glaubens" (Johannes Paul II.) bei und folglich zu einer Krise der Kirche. In seiner Autobiographie schrieb der damalige Kardinal Joseph Ratzinger darum ganz zutreffend: "Ich bin überzeugt, dass die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht, die mitunter sogar so konzipiert wird, 'etsi Deus non daretur': dass es in ihr gar nicht mehr darauf ankommt, ob es Gott gibt und ob er uns anredet und erhört" (Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben. Erinnerungen, München [1997] 174).

Liturgische Missbräuche, "haben ihre Wurzeln nicht selten in einem falschen Begriff von Freiheit" (Redemptionis Sacramentum, Nr. 7), von einer falsch verstandenen "Kreativität", was katastrophale Folgen für die Kirche hat, wie wir in unseren Tagen leidvoll erleben müssen. Liturgische Missbräuche spalten Gemeinden. Wer als Priester, Diakon oder in der Pastoral tätiger Laie die Liturgie nach eigenem Gutdünken feiert, wer seinen eigenen Neigungen folgt und nicht dem, was die Kirche, was der Glaube der Kirche vorgibt, "greift die substantielle Einheit des Ritus an". "Er vollzieht Handlungen, die dem Hunger und Durst nach dem lebendigen Gott, den das Volk unserer Zeit verspürt, in keiner Weise entsprechen. Er verrichtet keinen authentischen pastoralen Dienst und trägt nicht zur rechten liturgischen Erneuerung bei, sondern beraubt vielmehr die Christgläubigen ihres Glaubensgutes und ihres geistlichen Erbes", heißt es in der Instruktion Redemptionis Sacramentum der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung vom 25. März 2004. Die Instruktion handelt "über einige Dinge bezüglich der heiligsten Eucharistie, die einzuhalten und zu vermeiden sind". Diese Instruktion, die vor nunmehr acht Jahren veröffentlicht worden ist, versteht sich als eine praktische Umsetzung dessen, was in der Eucharistie-Enzyklika Ecclesia de Eucharistia Papst Johannes Pauls II. theologisch und spirituell dargelegt wird.

 

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