Mystagogische Einführung

 

Begriff


Mit Mystagogie (von Griechisch "mysterion" = Geheimnis, "agein" = führen) bezeichnet man die Einführung in ein Geheimnis. In der heidnischen Antike kannte man die Einführung in den Mysterienkult. In der frühen Kirche ist mit der Mystagogie zum einen die Einführung von Katechumenen in den Glauben, zum anderen, vor allem bei den Kirchenvätern, die katechetische Einführung vor dem Empfang der Sakramente, vor allem der Taufe, gemeint. Bekannt sind z.B. die mystagogischen Katechesen und liturgischen Mystagogien des Cyrill von Jerusalem (ca. 313-386). 

 

Die mystagogische Einführung am Beginn der heiligen Messe soll die Gläubigen in das zu feiernde Mysterium einführen und eine aktive Teilnahme am Geheimnis ermöglichen. Sie geht dabei von den Texten der Liturgie aus und erläutert gegebenenfalls die Riten, deren Sinn sie zu erschließen sucht.

Fakultativ


In der Feier der ordentlichen Form des Römischen Messritus nach dem Römischen Missale von 1970 kann der Zelebrant oder eine andere geeignete Person zu Beginn der Messfeier (nach der liturgischen Begrüssung und vor dem Bußakt) eine kurze Einführung halten, damit die Gläubigen das Geheimnis fruchtbarer feiern können. Ob die mystagogische Einführung nicht besser ihren Platz vor  der Messfeier hat, wäre eine Überlegung, die bei der von Papst Benedikt XVI. vorgesehenen "Reform der Reform" (also der Erneuerung des Messbuches von 1970) berücksichtigt werden sollte (siehe die Anmerkungen dazu im dritten Teil meines Kommentars zum Motu Propro Summorum Pontificum:  Gero P. Weishaupt, "Päpstliche Weichenstellungen. Das Motu Proprio Summorum Pontificum Papst Benedikts XVI. und der Begleitbrief an die Bischöfe. Ein kirchenrechtlicher Kommentar und Überlegungen zu einer 'Reform der Reform', Bonn 2010, 179).Die mystagogische Einführung ist nicht verpflichtend, sondern fakultativ und damit nicht wesentlicher Bestandteil des Römischen Ritus.

Inhalt 


Wenn eine mystagogische Einführung gehalten wird, dann soll sie auf jeden Fall  sehr kurz sein ("brevissimis verbis"), also mit nur sehr wenigen Worten erfolgen. Eine "Kurzpredigt" am Beginn der Messe ist fehl am Platz. Bei der mystagogischen Einführung in die Messfeier geht es nämlich nicht um ein Hinführung zu den Lesungen des betreffenden Tages - das ist Aufgabe der liturgischen Monitiones oder der Homilie -  sondern um eine Einführung in das zu feiernde Geheimnis der Messe. (daher mystagogische und nicht homiletische Einführung). Ausgangspunkt für die mystagogische Einführung sind darum nicht, wie bei der Homilie bzw. Predigt, die Lesungen, sondern die liturgischen Texte des jeweiligen Tages, also die Proprientexte (Introitus, Graduale, Offertorium, Communio), die Präsidialgebete (Collecta, Oratio super oblata, Postcommunio) und die Präfation.


Diese Anforderung an eine mystagogische Einführung in die Messliturgie des jeweiligen Tages setzt bei dem, der sie hält (in der Regel der Zelebrant selber), eine Auseineinandersetzung mit den entsprechenden liturgischen Texten voraus. Zwar gibt es auch vorgegebene Modelltexte mit einer Einführung in die Liturgie des Tages (meistens in Verbindung mit exegetisch-homiletischen Erklärungen in die Schriftlesungen und mit Fürbitten), doch oft erweisen diese sich als untauglich für eine mystagogische Einführung, da sie weder qualitativ noch quantitativ, d. h. von ihrem Inhalt und von ihrem Umfang her, den Anforderungen an eine solche entsprechen.

 

Der international anerkannte niederländische Liturgiewissenschaftler Prof. Dr. J. Hermans, der auch Konsultor bei der Päpstlichen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentendisziplin ist, schreibt über die mystagogische Einführung: 


"Die Einführung am Beginn der Messe ist gemeint als Einleitung in die Liturgie des Tages. Es ist nicht beabsichtigt, aus dem Einführungswort eine Predigt oder Homilie zu machen. Man sorge dafür, sich kurz zu fassen und vermeide vor allem eine umständliche und ausladende Sprache, um die Anwesenden nicht zu langweilen; nach den Rubriken muß die Einleitung sehr kurz sein (brevissimis verbis). Sie ist nicht gemeint als Erklärung oder Einführung in die Lesungen in die Liturgie des Wortes, ebensowenig als Wiederholung der Begrüßung und eine Biographie des Tagesheiligen. Es geht hier um eineEinführung in die Tagesliturgie als Genzes.  ... Das Eröffnungswort zu Beginn der Eucharistiefeier hat eine ähnliche Funktion wie der Introitus-Vers, insofern dieser eine Einleitung in die Tagesliturgie darstellt. . ...Damit das Eröffnungswort tatsächlich eine Einführung in die Liturgie als Ganze sein kann, müssen die Kennzeichen dieses bestimmten Tagesformulars kurz angedeutet werden, weiter muß man den Gläubigen vor Augen halten, daß es um eine Einführung in das Mysterium dieser Eucharistiefeier geht. ... Die Einführung soll keine Erklärung oder thematische Aufzählung der wichtigsten spezifischen Texte des Meßformulars ein, sondern eine Art mystagogische Kathechese, die sich auf ein besseres Verstehen und Erleben des zu feiernden Mysteriums richtet. ... Dies alles bedeutet, daß das Eröffnungswort eine vernünftige Vobereitung erfordert: Der Priester muß sich persönlich in das Ganze der Tagesliturgie vertieft haben, bevor er sich anschickt, diese zu feiern ... ; zudem muß er auch die wichtigsten Gedanken knapp in Worte bringen können" (Jo Hermans, Die Feier der Eucharistie. Erklärung und spirituelle Erschließung, Regensburg, 1984, 119 f.).

Beispiel einer untauglichen Einführung in die Liturgie


Das folgende Textbeispiel einer Einführung in die Liturgie der Messe des 18. Sonntages im Jahreskreis  muss im Blick auf die inhaltlichen Vorgaben für eine mystagogische Einführung als ungeeignet beurteilt werden: 


Hungrige Menschen gab es auch zur Zeit Jesu und in seiner Nähe. Jesus hat seine Jünger nicht gelehrt, Brot zu vermehren, wohl aber, für das vorhandene zu danken und es denen weiterzugeben, die Hunger haben. Das Problem des Hungers ist nicht nur ein Problem der Produktion. Es ist zuerst eine Frage des Austeilens: nicht nur Fremdes verteilen, sondern Eigenes hergeben. Also eine Frage an das Herz.


Vom Umfang her ("brevissimis verbis") erfüllt der Text die Anforderung an eine mystagogische Einführung, inhaltlich weist er allerdings erheblich Mängel auf, da er der Zielsetzung einer mystagogischen Einführung am Beginn der heiligen Messe nicht entspricht. Der Text verweist hingegen bereits auf das Evangelium (Lesejahr A). Das kann Aufgabe einer homiletischen Einführung (monitio) vor den Lesungen sein, nicht aber der Einführung in die Liturgie als Ganze. Der Text bietet keine Hinführung in das Geheimnis der Messe vom 18. Sonntag im Jahreskreis. Darum ist der Text als mystagogischen Einführung nicht brauchbar.

Anforderungen an den "Mystagogen"


Die Formulierung von mystagogischen Einführungen setzt die Fähigkeit dazu voraus. Sie muss erlernt und eingeübt werden, was Aufgabe einer liturgietheologischen und pastoral-liturgischen Ausbildung ist. Derjenige, der die Gläubigen in die liturgische Feier mystagogisch einführt, muss die inhaltlich-theologischen wie formal-sprachlichen Kriterien einer mystagogischen Einführung kennen und beherrschen.


Modellcharakter


Im folgenden sollen für alle Sonntage und Festtage des Kirchenjahres (nach dem reformierten Kalender) Textbeispiele für mystagogische Einführungen in die Liturgie des jeweiligen Sonn- und Festtages geboten werden. Derjenige, der sie nutzt, kann sie übernehmen oder, weil sie Modellcharakter haben, sich bei der Formulierung eigener mystagogischer Einführungen an den hier gebotenen Texten orientieren.


Lateinische Originaltexte


Die dargebotenen mystagogischen Einführungen gehen selbstverständlich von den lateinischen Messformularen der Edito Typica des Römischen Messbuches von 1970 aus. Zwar werden die Übersetzungen miteinbezogen, da aber die landessprachlichen Messbücher  immer Interpretationen sind, zuweilen auch zusätzliche und vom lateinischen Text der Editio Typica abweichende und sogar alternative Texte zu den lateinischen Originalen bieten oder in vorgegebenen Orationen beschreibend-erklärende Sätze eingefügt sind, ist eine authentische Feier in der ordentlichen Form des Römischen Ritus nur gewährleistet, wenn sich die Messformulare an den lateinischen Originaltexten orientieren. Die Einheit der ausserordentlichen Form der Messfeier mit der ordentlichen Form im einen Römischen Ritus der Katholischen Kirche ist nur  erkennbar, wenn Übersetzungen möglichst nahe und ohne erklärende Zusätze und Veränderungen das lateinische Original wiedergeben. 

 

 


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