Gero P. Weishaupt
     Gero P. Weishaupt                                                                                       

Allgemeines Gebet („Fürbitten“)

 

Der Wortgottesdienst des Missale Romanum Pauls VI. mit Lesung(en) und Evangelium kann, abgesehen von möglichen Vorbehalten gegenüber der Lektionsordnung,[1] als gelungen angesehen werden. Die Verwendung der jeweiligen Landessprache und die Vielfalt an Schriftlesungen entspricht konziliarem Auftrag[2] und der Tradition.[3] Bedenken rufen dagegen die möglichen freien Formulierungen des Allgemeinen Gebetes der Gläubigen, die auch „Fürbitten“ genannt werden, hervor, die in der ordentlichen Form des Römischen Ritus vor allem in den Messen mit Volk nach dem Evangelium bzw. nach der Homilie und gegebenenfalls dem Glaubensbekenntnis (Credo) vorgetragen werden.[4] Die Fürbitten, an die in der sogenannten außerordentlichen Form des Römischen Ritus das Oremus vor der Opferbereitung noch erinnert und die in den Liturgien des Ostens und im gallikanischen Ritus des Westens immer gebetet wurden, während sie im römischen Ritus in der Karliturgie zum Vortrag kamen,[5] schließen den Wortgottesdienst ab und leiten zum eucharistischen Opfer, dem Kern der Eucharistiefeier, über.[6]

 

Der Messordo Pauls VI. sieht nach wie vor für die regulären Messen feste Gebetsintentionen vor (für die Nöte der Kirche, für die Regierungsleiter und das Heil der Welt, für die unter Schwierigkeiten Leidenden und für die lokale Gemeinschaft),[7] doch eröffnet er auch die Möglichkeit, für besondere Feiern (Firmung, Eheschließung, Requiem) eigene Intentionen vorzutragen, die dem Anlass entsprechen.[8] Entgegen der liturgischen Tradition können die Fürbitten im Missale Pauls VI. dabei auch frei formuliert und gestaltet werden.[9] Mit dieser Möglichkeit weicht die heutige Praxis des römischen Ritus in seiner sogenannten ordentlichen Form von denen der Ostkirchen und vom ambrosianischen und gallikanischen Ritus ab.[10] Dort gibt es festgelegte Anliegen bzw. Gebetsformulare, die standardmäßig in der Liturgie angewandt werden. Klaus Gamber gibt in bezug auf die freien  Formulierungen der Fürbitten in der ordentlichen Form des Römischen Ritus zurecht zu bedenken, dass man „heute in der freien Gestaltung dieser Gebete schlimme Entgleisungen“ erlebt. „Auch was an Formularen in eigenen Sammlungen angeboten wird, ist meist wenig brauchbar.[11]

 

Michael Kunzler warnt darum zurecht:

 

„Die Fürbitten müssen echte Bitten und wahre Anliegen sein, keine leeren Worthülsen, vor allem aber dürfen sie weder ideologisch überlagert sein noch moralisierende Zurechtweisungen beinhalten.[12]

 

Ideologisch gefärbte Fürbitten können eine Gemeinde spalten, moralisierende Fürbitten stellen einen liturgischen Missbrauch dar.

 

Eine Reform der Reform sollte in Treue zu Tradition die Möglichkeit freier Gestaltung der Fürbitten nicht mehr vorsehen und für besondere Anlässe standardisierte Formulare bieten, die der Willkür und der freien Formulierung entzogen sind. Das Messbuch Pauls VI. bietet für die regulären Messfeiern bereits eine ausreichende Auswahl von standardisierten Gebetsformularen für die Sonn- und Werktage im Kirchenjahr und für die liturgisch geprägten Zeiten. Diese festen Formulare könnten mit weiteren standardisierten Formularen erweitert werden.[13]

Neben dem Ausschluss freier Formulierungen sollte eine im Lichte der Tradition durchgeführte Reform des Missale Romanum Pauls VI. auch die äußere Vortragsform berücksichtigen. Beim fürbittenden Gebet stehen alle - Priester wie Volk - vor Gott in Antwort und im Vertrauen auf sein in den Lesungen und in der Homilie gehörtes Wort. Zwar ist das Allgemeine Gebet ein Gebet des Volkes, das als „Gemeinschaft der Getauften“ in ihm „seine priesterliche Funktionen“ ausübt, „und zwar zum Nutzen der ganzen Kirche und der Welt“[14], doch gehört auch der Priester zum Volk Gottes, und in der Person Christi fasst er das Allgemeine Gebet des Volkes am Ende zusammen. Darum sollten die Fürbitten grundsätzlich immer Gott zugewandt ausgesprochen werden. Der Priester, der Diakon oder ein Lektor richtet sich gemeinsam mit dem betenden Volk zum Altar bzw. zur Apsis (geostete Gebetsrichtung).[15] Diese Gebetsrichtung entspricht auch der Tradition. Nach Klaus Gamber ist es ein „Widerspruch zur liturgischen Tradtition“, „die Fürbitten nicht zum Altar, sondern vom Ambo zu sprechen. Zu den längeren Gebeten, so etwa zu den „Orationes sollemnes“ am Karfreitag, ist in früheren Zeiten der Zelebrant regelmäßig vor den Altar getreten, damit er zusammen mit den Gläubigen beim Beten nach Osten ausgerichtet war.[16]

 

Nur die Introduktion, d.h. die kurze Einführung oder Einladung der Gläubigen zum Gebet durch den Priester,[17] die zur Vermeidung von „Entgleisungen“, etwa dadurch, dass sie zu lang formuliert werden, ebenfalls vorgegeben sein sollten, geschieht zum Volk hin gewandt, da sie sich ja an das Volk und nicht an Gott richtet. Sobald diese Introduktion gesprochen ist, wendet der Priester sich zum Osten, wohin die Fürbitten vorgetragen werden. Das abschließende Gebet, das ein Präsidialgebet[18] ist und darum immer vom zelebrierenden Priester rezitiert werden muß, richtet er selbstverständlich nicht zum Volk, sondern zu Gott, also in Richtung Apsis bzw. Osten.

 


[1]          So K. GAMBER, Fragen in die Zeit, 85. Gamber kritisiert an der neuen Lektionsordnung vor allem, dass bei ihrer Erstellung einseitig exegetische, belehrende und erbauende Gesichtpunkten maßgebend gewesen sind und dabei „zu wenig die liturgischen Gesetze berücksichtigt worden sind, nach denen man bisher in der Kirche Leseabschnitte ausgewählt hat. … Wie bei den übrigen liturgischen Reformen in der Zeit nach dem Konzil, so hat man auch bei der Aufstellung der neuen Perikopenbücher eine uralte, z. T. 1500jährige Tradition unterbrochen, ohne etwas Besseres an die Stelle zu setzen. Es wäre sicher klüger gewesen, nicht zuletzt auch in pastoraler Hinsicht, die alte Ordnung des Missale Romanum zu belassen und im Zuge einer Reform weitere Lesungen ‚ad libitum‘ (zur Auswahl) zu gestatten.“ Ibid., 91ff.

[2]          Vgl. SC, Art. 35 und 36.

[3]            Vgl. K. GAMBER, Fragen in die Zeit, 85: „Der Gebrauch der Landessprache bei den Lesungen war der römischen Liturgie ursprünglich nicht fremd. So konnten im 9. Jahrhundert die Slavenlehrer Cyrill und Method bei ihrer Missionstätigkeit in Mähren eine von ihnen veranstaltete slavische Übersetzung des lateinischen Evangeliars benützen. In Rom selbst wurde die lateinischen Lektionen, zum mindesten an bestimmten Tagen, für den Griechisch sprechenden Teil der Bevölkerung bis ins Mittelalter hinein zusätzlich auch in griechischer Sprache vorgetragen.“

[4]          Institutio Generalis, Nr. 138.

[5]          J. PASCH, Eucharistia. Gestalt und Vollzug, Freiburg 1953, zweite Auflage, 81.

[6]          J. HERMANS, Die Feier der Eucharistie, 205.

[7]          Art. 53 von Sacrosanctum Concilium nennt Anliegen „für die heilige Kirche, für die Regierenden, für jene, die von mancherlei Not bedrückt sind, und für alle Menschen und das Heil der ganzen Welt“. 

[8]          Instructio Generalis, Nr 69 f.

[9]          M. KUNZLER, Die Liturgie der Kirche, 337.

[10]        So K. GAMBER, Fragen in die Zeit, 86.

[11]        Ibid.

[12]        M. KUNZLER, Die Liturgie der Kirche, 337.

[13]        Inhaltlich entsprechen sie den Richtlinien, die der Rat zur Ausführung der Liturgiekonsitution Sacrosanctum Concilium 1966 herausgegeben hat: „De oratione communi seu fidelium. Natura momentum ac structura. Criteria atque specimina Coetibus territorialibus Episcoporum proposita“, in: Enchridion Documentorum Instaurationis Liturgicae I, 238-241, Rdnr. 648-661.  Danach sind die Fürbitten stets ein Flehgebet (supplicatio), dass sich an Gott richtet. Die Fürbitte ist darum keine Anbetung und Danksagung. In ihnen bittet die gläubige Gemeinde für die ganze Kirche (für Papst und Bischöfe, für Priester und Ordensleute, für die Einheit der Christen), für die Welt (für Frieden, für die Regierenden, für Wetter und gute Ernte), für die verschiedenen Nöte (für Heimatlose, Verfolgte etc.).

[14]        J. HERMANS, Die Feier der Eucharistie, 204.

[15]        Diakon und Lektor stehen allerdings nicht direkt vor dem Altar wie der Priester,  sondern auf Abstand mit Blick zum Altar bzw. zur Apsis.

[16]        K. GAMBER, Fragen in die Zeit, 86.

[17]        „De oratione communi seu fidelium“, in: Enchridion Documentorum Instaurationis Liturgicae I,                     240, Rdnr. 656.

[18]        J. HERMANS, Die Feier der Eucharistie, 207.

 

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