2. Ostersonntag

Homilie des heiligen Cyrill von Alexandrien zum Evangelium des 2. Ostersonntages (Oktavtag von Ostern). Text: Lib. 12, cap. 1: 74, 703-706. Übersetzung: Gero P. Weishaupt

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Jo 20, 19-31)

 

19 Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. 24 Thomas, genannt Didymus - Zwilling -, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. 30 Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan.

31 Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

Homilie des heiligen Cyrill von Alexandrien

 

Schau, wie Christus bei geschlossenen Türen wundervoll eintritt und zeigt, dass er seiner Natur nach Gott ist und nicht verschieden ist von dem, der vorher zusammen mit den Aposteln Umgang hatte. Er zeigt die Seite seines Leibes und die Male der Nägel. Dadurch richtete er ihre Aufmerksamkeit auf den Tempel, der am Kreuz selber gehangen hatte und der seinen von ihm auferweckten Leib getragen hatte. Der Tod war freilich bereits vernichtet worden, da er ja in Bezug auf seine Natur das Leben und Gott ist.

 

Nun ist wohl seine Sorge für den Glauben an die zukünftige Auferstehung so groß gewesen, dass er - der göttlichen Ökonomie folgend - wie in früherer Zeit erscheinen wollte, auch wenn schon die Zeit für den Übergang seine Leibes in jene unaussprechliche und übernatürliche Herrlichkeit da war.  Man sollte nämlich nicht meinen, er hätte einen anderen Leib als den, in dem er am Kreuz den Tod erlitten hat.

Dass unsere Augen die Herrlichkeit des heiligen Leibes nicht ertragen könnten, wenn Christus sie sogar schon vor seinem Aufstieg zum Vater hätte offenbaren wollen, ist leicht einzusehen, wenn man sich die Verklärung, die sich einst auf dem Berg vor den Augen der Jünger vollzog, ins Gedächtnis ruft. Denn der selige Evangelist Matthäus schreibt, dass Christus zusammen mit Petrus, Jakobus und Johannes auf den Berg gestiegen und vor ihnen verklärt sei und dass sein Gesicht wie ein Blitz gestrahlt habe und seine Kleider weiß wie Schnee geworden seien. Da sie aber diese Erscheinung nicht ertragen konnte, seien sie auf ihr Gesicht gefallen.

 

Daher erschien unser Herr Jesus Christus gemäß einem besonderen Ratschluss noch nicht in Herrlichkeit, die ihm gebührte und zu dem verwandelten Tempel passte. Denn er wollte nicht, dass der Auferstehungsglaube sich auf eine andere Gestalt und einen anderen Leib bezog als auf den, den er aus der heiligen Jungfrau angenommen hat. In ihm ist er auch als Gekreuzigter gestorben gemäß den Schriften, als der Tod nur über das Fleisch Macht hatte. Aus ihm ist er vertrieben. Denn wenn sein toter Leib nicht auferstanden ist, über welchen Tod trimphiert dann der Sieg?

 

Oder wie hätte die Herrschaft des Verderbens ein Ende gefunden, wenn nicht durch den Tod eines der mit Vernunft begabten Geschöpfe? Nicht durch eine Seele, nicht durch einen Engel, auch nicht durch das Wort Gottes selber. Weil also der Tod so viel Macht über sie hat, die ihrer Natur nach zerstört werden kann, wird man zu recht dafürhalten, dass sich auch die Kraft der Auferstehung gegen sie selbst wendet. Die Folge ist die Vernichtung ihrer tyrannischen Macht.

 

Dass er nun bei geschlossenen Türen eingetreten ist, wird, wer auch immer nachdenkt, zu seinen anderen Wundern zählen. Er grüßt mit folgenden Worten seine Jünger: Friede sei mit euch. Dadurch drückt er aus, dass er selber der Friede ist. Denen Christus nämlich nahe ist, die sind bestimmt ruhig, gelassen und gefaßt. Das wünschte doch Paulus  auch den Gläubigen, wenn er sagte. Der Friede Christi, der jedes Empfinden überragt, bewahre eure Herzen und euer Denken. Der Friede Christi, der alles Sichtbare übersteigt, ist, sagt er, mit dem Heiligen Geist identisch. Wer an ihm teilhat, wird mit allen guten Gaben gesegnet werden. 

 

 

Über den heiligen Cyrill von Alexandrien (gest. um 444 n. Chr.)

 

Er begleitete seinen Onkel Theophilus, Patriarch von Alexandrien, zur Eichensynode (403), auf der Johannes Chrysostomus abgesetzt wurde. Als dessen Nachfolger auf dem Bischofsstuhl von Alexandria (412) nahm er im Streit gegen Nestorius eine führende Rolle ein. Selbst der Athanasianischen Christologie verpflichtet, die die Einheit von Gottheit und Menschheit betont, verteidigte er vehement die Gottesmutterschaft Mariens. Unter seinem Vorsitz wurde sie auf dem Konzil von Ephesus (431) feierlich verkündet und Nestorius, Bischof von Konstantinopel für abgesetzt erklärt. Die daraufhin einsetzenden Streitigkeiten mit den Antiochenern, die ein Gegenkonzil einberiefen und ihrerseits Cyrill für abgesetzt erklärten, konnten 433 beigelegt werden. Seine dogmatischen Positionen verfocht Cyrill vor allem in (Osterfest-) Briefen und in Homilien; doch auch der späte Dialog „Daß Christus einer ist” läßt sich hier anführen. (Quelle: Catena Aurea

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