4. Fastensonntag

Durch die Taufe empfangen wir das Licht des ewigen Lebens

 

Homilie des heiligen  Ambrosius zum Evangelium des 4. Fastensonntages nach der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus. Text: Epistula 80, 1-6; PL 1-6, 1336-1338.

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Joh 9, 1-41)

 

In jener Zeit 1sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. 2Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, so dass er blind geboren wurde? 3Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. 4Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. 5Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen 7und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen. 8Die Nachbarn und andere, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? 9Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. 10Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden? 11Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach, und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte wieder sehen. 12Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht. 13Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. 14Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. 15Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Der Mann antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen; dann wusch ich mich, und jetzt kann ich sehen. 16Einige der Pharisäer meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein Sünder solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen. 17Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann antwortete: Er ist ein Prophet. 18Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des Geheilten 19und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr behauptet, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sehen kann? 20Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. 21Wie es kommt, dass er jetzt sehen kann, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen. 22Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Messias bekenne, aus der Synagoge auszustoßen. 23Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt doch ihn selbst. 24Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. 25Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehen kann. 26Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? 27Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt auch ihr seine Jünger werden? 28Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. 29Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt. 30Der Mann antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. 31Wir wissen, dass Gott einen Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er. 32Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. 33Wenn dieser Mensch nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können. 34Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren, und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus. 35Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? 36Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? Sag es mir, damit ich an ihn glaube. 37Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es. 38Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. 39Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. 40Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? 41Jesus antwortete ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

 

Homilie des heiligen Ambrosius

 

Brüder, ihr habt die Lesung des Evangeliums gehört, in dessen Verlauf zur Sprache gekommen ist, dass Jesus beim Vorübergehen jemanden sah, der von Geburt an blind war. Wenn der Herr ihn also gesehen hat, ist er nicht an ihm vorbeigegangen. Darum dürfen nicht einmal wir an ihm vorübergehen, an ihm, der gemäß der Meinung des Herrn nicht negiert werden durfte, vor allem weil er von Geburt an blind war. Letzteres ist keine überflüssige Bemerkung in dem Text.   

 

Es gibt nämlich eine Blindheit, die meistens krankheitsbedingt die Sehkraft behindert, und diese wird im selben Augenblick geheilt. Es gibt eine Blindheit, die durch das Eindringen von Erde entsteht. Meistens schwindet sie mit Beseitigung des Mangels durch medizinische Behandlung. Du sollst dadurch erkennen, dass das, wodurch der Blindgeborene Heilung findet, nicht der Heilkunst, sondern der göttlichen Vollmacht zugeschrieben wird. Denn der Herr schenkte die Genesung, Medizin wandte er nicht an. Denn die heilte der Herr Jesus, für die niemand sorgte.

 

Dem Schöpfer, der der Urheber der Natur ist, kommt es zu, den Mangel der Natur zu beheben. Darum fügte er hinzu: Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Das bedeutet: Alle, die blind sind, können sehen, wenn sie mich, das Licht, suchen. Kommt darum auch ihr zu mir und ihr werdet erleuchtet, so dass ihr sehen könnt.

 

Was bedeutet es ferner, dass der, der das Leben durch einen Machtspruch zurückgab, das Heil durch einen Befehl schenkte, indem er einem Toten sagte: Komm heraus und Lazarus trat aus dem Grab heraus; einem Gelähmten sagte: Steh auf, nimm deine Bahre und der Gelähmte stand auf aufstand und trug seine Bahre, auf der er noch vollständig gelähmt gewöhnlich getragen wurde? Was bedeutet es nun, dass er spuckte, einen Teig machte, diesen auf die Augen des Blinden strich und dabei sagte: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen? Was ist der Grund dafür? Ein bedeutender, wie ich meine, denn mehr sieht der, den Jesus berührt.

 

Richtet eure Aufmerksamkeit zugleich auf seine Göttlichkeit und sein Heilshandeln. Wie wenn Licht ihn berührte, befeuchtete er ihn. Wie ein Priester durch die äußere Form der Taufe vollendete er die Geheimnisse der geistlichen Gnade. Er spuckte, damit du erkennen solltest, dass alles, was Christus innerlich ist, Licht ist. Tatsächlich sieht der, der durch das Innere Christi gereinigt wird. Sein Wort reinigt, wie es in der Schrift heißt: Ihr seid schon rein durch mein Wort, das ich zu euch gesprochen habe.

Dass er mit Speichel einen Teig machte und die Augen des Blinden damit bestrich, was bedeutet das anderes, als dass du verstehen sollte, dass mit dem Teigaufstrich er selber, der aus Lehm den Menschen geschaffen hat, ihn wieder gesund gemacht hat und dass dieses Fleisch mit unserem Schmutz durch die Geheimnisse der Taufe das Licht des ewigen Lebens empfängt?

 

Tritt auch du zum Teich Schiloach, das heißt zu dem, der vom Vater gesandt worden ist, so wie geschrieben steht: Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. Christus möge dich waschen, damit auch du siehst. Komm zur Taufe, jetzt ist die Zeit dafür. Komm geschwind, damit du sagst: Ich ging hin, wusch mich und konnte wieder sehen, und damit du auch sagst: Ich war blind und ich sah wieder. Und damit du schließlich wie er nach dem Empfang des Lichtes sagst: Die Nacht ist vorbei, der Tag ist angebrochen.

 

Über den heiligen Ambrosius (333/334 – 397)

 

Er stammte aus einer christlichen Adelsfamilie. Es wird berichtet, daß er noch als Katechumene 374 zum Bischof von Mailand gewählt wurde. In dieser Position nahm er auf die Religionspolitik der römischen Kaiser beachtlichen Einfluß. Durch seine Predigt konnte er den damals als Rhetor tätigen Augustinus für den katholischen Glauben gewinnen. Zu seinen Werken gehören Bibelkommentare (vor allem zu alttestamentlichen Büchern, aber auch zum Lukasevangelium), ethische (De officiis ministrorum) und dogmatische Schriften (De fide, De spiritu sancto). Von dem „Vater des Kirchengesanges” sind auch mehrere Hymnen überliefert. Mit Hieronymus, Augustinus und Gregor dem Großen zählt er zu den vier großen lateinischen Kirchenvätern (1295 endgültig fixiert durch Papst Bonifaz VIII.). (Quelle: Catena Aurea)

 

 

 

 

 

 

 

 

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