5. Fastensonntag

Lazarus starb, damit mit ihm auch der Glaube der Jünger aus dem Grab aufstand

 

Homilie des heiligen Petrus Chrysologus zum Evangelium des 5. Fastensonntages nach der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus. Text: Sermo 63; PL 52, 375-377).

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Joh 11, 1-45)

 

In jener Zeit 1war ein Mann krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Marta wohnten. 2Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hat; deren Bruder Lazarus war krank. 3Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank. 4Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden. 5Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus. 6Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.7Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen. 8Die Jünger entgegneten ihm: Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen, und du gehst wieder dorthin? 9Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; 10wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist. 11So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken. 12Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden. 13Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf. 14Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben. 15Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen. 16Da sagte Thomas, genannt Didymus - Zwilling -, zu den anderen Jüngern: Dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben. 17Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen. 18Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. 19Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten. 20Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus. 21Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. 22Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. 23Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. 24Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag. 25Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, 26und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? 27Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. 28Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen. 29Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm. 30Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte. 31Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen. 32Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. 33Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert. 34Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh! 35Da weinte Jesus. 36Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte! 37Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb? 38Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt, und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war. 39Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. 40Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? 41Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. 42Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast. 43Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! 44Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen! 45Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.

 

 

Homilie des heiligen Petrus Chrysologus

 

Lazarus kehrt aus dem Totenreich zurück. Er erscheint in der Gestalt des Todes, der besiegt werden muss, und bietet ein Beispiel für die Auferstehung. Bevor wir in die Tiefe solchen Geschehens eindringen, wollen wir den Aspekt der Auferstehung betrachten, weil wir sehen, dass sie das größte Zeichen ist; weil wir wahrnehmen, dass sie der größte Machtstat ist; weil wir deutlich erkennen, dass sie das größte der Wunder ist.

 

Der Herr hatte die Tochter des Synagogenvorstehers Jairus auferweckt, doch er hat das Leben zurückgegeben, so dass die Macht der Hölle bestehen blieb. Er erweckte den einzigen Sohn einer Mutter, doch so, dass er die Tragbahre behielt; dass er das Grab vorwegnahm; dass er die Verwesung aufschob und vor dem üblen Geruch bewahrte; dass er dem Toten wieder das Leben zurückgab, bevor er nach seinem Tod in den Machtbereich des Todes eintrat. Was über Lazarus berichtet wird, ist ganz außerordentlich: dessen Tod, dessen Auferstehung hat mit dem Vorherigen nichts gemeinsam. In ihm vollendet sich die ganz Macht des Todes und strahlt die vollkommene Gestalt der Auferstehung wider. Ich  wage sogar zu sagen, dass Lazarus das ganze Geheimnis der Auferstehung des Herrn an sich gerissen hätte, wenn er nach drei  Tagen aus der Totenwelt zurückgekehrt wäre. Christus kehrte ja nach drei Tagen zurück als der Herr, Lazarus wird nach vier Tagen zurückgerufen als Diener. Doch um zu beweisen, was ich gesagt habe, wollen wir uns nun einige Sätze der Evangeliums anschauen:

 

Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank. Als sie das sagen, wecken sie Mitgefühl und Liebe bei ihm, sie finden Wertschätzung. Voll Freude beseitigten die die Not durch das freundschaftliche Band. Doch Christus, dessen Aufgabe mehr darin besteht, den Tod zu besiegen als eine Krankheit zu beheben, dessen Lieben darin beseht, nicht den Geliebten seelisch aufzurichten, sondern ihn aus dem Totenreich herauszuführen, bereitet bald darauf dem Geliebten keine Medizin für die Krankheit, sondern die Herrlichkeit der Auferstehung.

 

Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt. Ihr seht, wie er dem Tod einen Ort gibt, das Grab gewähren und die Verwesung voranschreiten läßt, die Fäulnis und den üblen Gestank zuläßt und erlaubt, dass die Unterwelt fortreißt, herunterzieht, Besitz ergreift. So bewirkt er, dass die menschliche Hoffnung ganz erlischt, die ganze Wucht der Verzweiflung dieser Welt in Erscheinung tritt. So soll deutlich werden, dass das, was er im Begriff ist zu tun, göttlich und nicht menschlich ist.

 

So viel ruht an diesem Ort auf der Erwartung des Todes, dass er selber den Toten ruft und dann Lazarus auffordert zu kommen. Es sagt nämlich Lazarus ist tot, und ich freue mich. Heißt das, geliebt zu haben? Christus freute sich, weil die Trauer über den Tod bald verwandelt werden muss in die Freude der Auferstehung. Und ich freue mich euretwegen. Warum euretwegen? Weil im Tod und der  Auferstehung des Lazarus die ganze Gestalt des Todes und der Auferstehung des Herrn zur Darstellung kommen. Was bald geschehen wird am Herrn, das ist schon geschehen an seinem Diener. Der Tod des Lazarus war notwendig, damit zusammen mit seinem Tod auch schon der Glaube der Jünger aus dem Grab auferstand.

 

Über den heiligen Petrus Chrysologus (um 380 – ca. 450)

 

Petrus, wegen seiner Rednergabe „Chrysologus“ („der mit den goldenen Worten“) genannt, wurde um 380 in Imola (Provinz Bologna) geboren. Über sein Leben gibt es nur spärliche Nachrichten. Er wurde zwischen 424 und 429 Bischof von Ravenna, der damaligen Residenzstadt des Weströmischen Reichs. Er hatte gute Beziehungen zur Kaiserin Galla Placida und zu Papst Leo d. Gr. Dem Irrlehrer Eutyches gegenüber betonte er die Autorität des römischen Bischofs als des Nachfolgers des Apostels Petrus. Wegen seiner glänzenden Predigten wurde er als zweiter Johannes Chrysostomus gefeiert. Er starb in seiner Heimat Imola am 3. Dezember 450. Einer seiner Nachfolger in Ravenna gab 176 gesammelte Predigten des Petrus Chrysologus heraus, von denen die meisten echt sind. In ihnen spiegeln sich die christologischen Auseinandersetzungen in der Zeit zwischen dem Konzil von Ephesus und dem von Chalkedon, aber auch allgemein die Probleme und Auffassungen jener Zeit wider. (Quelle: Erzabtei Beuron)

 

 

 

 

 

 

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