6. Sonntag i. J. 

Die Unschuld im Herzen bewahren

 

Homilie des heiligen Augustinus zum Evangelium des sechsten Sonntages im Jahreskreis, Lesejahr A in der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus.  Text: De Serm. Dni 1, 9, 21; CCL 35, 22.

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 5, 17-37)

 

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: 17Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. 18Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. 19Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich. 20Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. 21Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. 22Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du gottloser Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. 23Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24so lass deine Gebe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe. 25Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, so lange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen, und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben, und du wirst ins Gefängnis geworfen. 26Amen, das sage ich dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast. 27Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. 28Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. 29Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. 30Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt. 31Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben. 32Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch. 33Ihr habt gehört. dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. 34Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, 35noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel für seine Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs. 36Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. 37Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.

 

Homilie des heiligen Augustinus

 

Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Damit ist gesagt: Wenn ihr nur jene kleinsten Gebote erfüllt, die den Menschen binden, nicht aber die, welche von mir, der ich nicht gekommen bin, um das Gesetz aufzuheben, sondern zu erfüllen, hinzugefügt werden, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

 

Aber du sagst mir: Falls der Herr, wenn er weiter oben über jene kleinsten Gebote redet, behauptet, dass im Himmelreich derjenige der Kleinste genannt wird, der eines von diesen aufhebt und entsprechend lehrt, jenen aber groß nennt, der sie vollbringt und entsprechend lehrt und deswegen schon im Himmelreich sein wird, weil er groß ist, wozu bedarf es dann noch zusätzlicher kleinster Gesetzesvorschriften? Denn derjenige darf doch schon, weil er groß ist, im Himmelreich, der sie umsetzt und entsprechend lehrt. Der Satz muss folglich folgendermaßen verstanden werden: Wer sie aber hält und entsprechend halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich. Das besagt: Nicht gemäß jenen kleinsten Geboten wird er groß sein, sondern gemäß denen, über die ich reden werde. Und welche sind das?

 

Dass eure Gerechtigkeit, sagt der Herr, weitaus größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Wenn sie nämlich nicht weitaus größer ist, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer mithin jene kleinsten Gebote aufhebt und entsprechend lehrt, wird der Kleinste genannt. Wer aber jene kleinsten Gebote in die Praxis umsetzt und entsprechend lehrt, gilt zwar nicht schon als groß und für das Himmelreich geeignet, doch auch nicht so klein wie jener, der sie aufhebt. Um aber groß und für das Reich geeignet zu sein, muss er so handeln und lehren, wie Christus es jetzt lehrt, und das heißt, dass seine Gerechtigkeit weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer.

 

Es gehört zur Gerechtigkeit der Pharisäer, nicht zu töten. Zur Gerechtigkeit derer, die vorhaben, in das Himmelreich zu kommen, gehört es, nicht grundlos zu zürnen. Also: Das kleinste Gebot lautet, nicht zu töten. Und wer es aufhebt, wird im Himmelreich der Kleinste genannt. Wem es aber gelingt, nicht zu töten, wird zwar nicht direkt groß und für das Himmelreich tauglich sein, aber er steigt eine Stufe höher. Und er wird zur Vollkommenheit gelangen, wenn er nicht grundlos zürnt. Wenn er also das Gebot umsetzt, wird er viel weiter vom Mord entfernt sein. Wer darum lehrt, dass wir nicht zürnen sollen, hebt das Gesetz „Du sollst nicht töten“ nicht auf, sondern erfüllt es vielmehr. So kommt es, dass wir, indem wir nicht töten, einerseits die Unschuld bewahren nach außen andererseits aber, indem wir nicht zürnen, die Unschuld auch im Herzen bewahren.

 

Über den heiligen Augustinus (354 – 430)

 

Er ist eine der größten Gestalten der abendländischen Geistesgeschichte. Aus Thagaste in Numidien stammend, war er ab 384 als Rhetor in Mailand tätig, wo die Auseinandersetzung mit Röm 13,13f. und die Predigt des Ambrosius seine endgültige Abkehr vom Manichäismus bewirkten. 387 ließ er sich taufen. Nach der Rückkehr in seine Heimat 388 wurde er 395 zum Bischof von Hippo Regius geweiht. In seinen Streitschriften setzt er sich mit den Häresien des Donatismus und des Pelagianismus auseinander. Seine literarische Hinterlassenschaft ist sehr umfangreich; zu den bekanntesten Werken zählen die Confessiones, eine Autobiographie in Gebetform, und De civitate Dei, in dem er unter dem Eindruck der Eroberung Roms durch Alarich (410) eine Geschichtstheologie entwirft, die von dem Antagonismus zweier Gemeinwesen, dem Gottes- und dem Weltstaat, geprägt ist. Unter seinen Schriftkommentaren ragen die Auslegungen zum Johannes-Evangelium, zum ersten Johannesbrief und zu den Psalmen heraus. (Quelle: Catena Aurea)

 

 

 

 

 

 

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